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Griechische Volksmärchen II

(German)

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Die zwölf griechischen Volksmärchen dieser zweibändigen Ausgabe wurden mit großer Sorgfalt ausgewählt. Sie entführen den Leser in eine phantastische Welt voller Abenteuer, in der Zauberinnen, Riesen und Ungeheuer ihr Unwesen treiben und Tiere wie Menschen sprechen können. Es wird von Heldentaten und von menschlichen Schwächen berichtet, und immer wieder ist es die Liebe, die alle Hindernisse überwindet. Schauplatz des Geschehens ist die griechische Landschaft mit ihren unverwechselbaren Farben und Gerüchen und ihrem überwältigenden Licht. Diese Märchen wenden sich an alle Altersgruppen. Sie wurden über Jahrhunderte hinweg an langen Winterabenden und in sternklaren Sommernächten erzählt und sind auf diese Weise auch zu uns gelangt.

 

Die beiden Bände schließen mit einigen charakteristischen Beispielen griechischer Volksdichtung, die wie Märchen in Reimform anmuten. Einen besonderen Reiz erlangt diese Ausgabe durch die Tuschzeichnungen der profilierten Malerin und Illustratorin Fotini Stefanidi.

Griechische Volksmärchen II

 

Retold by Menelaos Stephanides
Illustrated by Fotini Stefanidi
Translation: Christina Tell
192 pages, paperback, pocket size 16,5 x 11,5 cm

Ages: 12 and up

ISBN-10: 960425085x, ISBN-13: 9789604250851

 

DREI RATSCHLÄGE

 

Es war einmal ein armer Mann, der hieß Antonis und lebte mit seiner Frau und seinem Kind, einem Jungen von zehn Jahren, in einem kleinen Dorf. Ihre Not war aber so groß, dass er eines Tages beschloss, in die Fremde zu ziehen.

 

„Das ist kein Leben hier“, sagte Antonis zu seiner Frau. „Ich will nach Konstantinopel gehen und mir dort Arbeit suchen. Wenn ich etwas Geld verdient habe, komme ich zurück. Dann werden wir es gut haben.“

 

„Geh nur, aber vergiss uns nicht“, entgegnete die Frau, und schon am nächsten Tag verabschiedete sich Antonis von den beiden, die ihm mit Tränen in den Augen nachwinkten.

 

Als er in die große Stadt kam, konnte er lange keine Arbeit finden. Schließlich stellte ihn ein geiziger Herr als Diener ein.

 

„Ich werde dich bezahlen, wenn deine Zeit um ist“, kündigte er ihm an, „so kannst du wenigstens kein Geld ausgeben.“ Und dem armen Antonis blieb nichts anderes übrig, als einzuwilligen.

 

Er versah seinen Dienst mit großem Eifer, und obwohl er kein Geld bekam, verlor er niemals die Geduld. Zehn Jahre vergingen auf diese Weise, dann wollte Antonis nach Hause und bat um seinen Lohn.

 

Sein Herr grübelte lange darüber nach, was er ihm geben sollte.

 

„Hundert Goldstücke, nein, das wäre übertrieben“, dachte er, „wenn man es sich recht bedenkt, sind auch fünfzig noch zu viel. Ich werde ihm zwanzig geben. Doch was hat er schon groß getan? Zehn tun es auch.“ Am Ende nahm er fünf Goldstücke aus seinem Beutel, von denen er Antonis drei gab.

 

„Ist das alles?“, flüsterte der arme Kerl.

 

„Mehr war deine Arbeit nicht wert“, erwiderte der vornehme Herr. „Wenn es dir zu wenig erscheint, dann bleib noch zehn Jahre bei mir, und ich gebe dir sechs Goldstücke.“

 

Doch auch sechs Goldstücke waren noch viel zu wenig und zehn Jahre eine so lange Zeit, dass Antonis das Geld nahm und die Stadt verließ.

 

Unterwegs traf er einen weißhaarigen alten Mann.

 

„Gib mir ein Goldstück“, sagte er zu Antonis, „und du bekommst dafür einen guten Rat.“

 

Antonis dachte eine Weile nach und kam zu dem Schluss, dass er mit drei Goldstücken ein armer Mann war und mit zweien ebenfalls. Er streckte dem Alten ein Goldstück hin, und dieser sprach:

 

„‚Frage niemals nach Dingen, die dich nichts angehen.‘ Das ist mein erster Rat.“ Und er fügte hinzu: „Für ein weiteres Goldstück bekommst du einen zweiten Rat, der noch wertvoller ist als der erste.“

 

„Mit zwei Goldstücken bin ich ein armer Mann und mit einem ebenfalls“, dachte Antonis und gab dem Alten, was er verlangte.

 

„‚Weiche niemals von dem Weg ab, den du einmal eingeschlagen hast.‘ Das ist mein zweiter Rat. Ich weiß auch noch einen dritten Rat, der dir viel mehr nützen wird als der zweite. Wenn du ihn hören willst, gib mir abermals ein Goldstück.“

 

„Was soll ich mit einem einzigen Goldstück anfangen“, dachte Antonis und gab dem alten Mann sein letztes Geld.

 

„‚Wenn dich am Abend der Zorn übermannt, unternimm niemals etwas vor dem nächsten Morgen.‘ Das war mein letzter Rat.“

 

Der arme Antonis setzte seinen Weg fort, doch seine Gedanken kreisten noch lange um die drei Goldstücke.

 

„Habe ich es richtig gemacht oder nicht?“, fragte er sich. „Wie dem auch sei, mit meinem Lohn war ich genauso arm, wie ich es jetzt bin, es macht also kaum einen Unterschied.“

 

Kurze Zeit später traf er einen Mohren, der vom Fuß bis zum Scheitel etwa drei Meter maß. Der riesige Mann tat etwas sehr Merkwürdiges, er klebte Goldstücke an die Blätter eines Zitronenbaumes.

 

Antonis blieb überrascht stehen. Er wollte nach dem Grund für diese sonderbare Beschäftigung fragen, doch dann kam ihm der erste Rat des Alten in den Sinn: „Frage niemals nach Dingen, die dich nichts angehen.“ Er wünschte also dem Mohren einen „Guten Tag“ und ging weiter.

 

„He! Wo willst du hin?“, rief ihm der Mohr hinterher. „Komm und nimm dir so viel Gold, wie du tragen kannst. Weißt du, weshalb ich so großzügig bin? Hundert Jahre schon tue ich das, was du hier siehst, doch bisher wollte noch jeder, der zufällig des Wegs kam, erfahren, warum ich es tue. Ich will dir erzählen, wie es dem letzten dieser neugierigen Tröpfe ergangen ist. Es war ein kleiner, schmächtiger Bursche, und natürlich musste er stehen bleiben, um mich zu fragen, weshalb ich die Goldstücke an die Blätter des Baumes klebe.

 

‚Was hast du gesagt?‘, fragte ich zurück.

 

‚Weshalb klebst du die Goldstücke an die Blätter?‘, wiederholte er.

 

‚Auf diesem Ohr höre ich nicht gut‘, sagte ich, ‚komm auf die andere Seite.‘

 

‚Weshalb klebst du die Goldstücke an die Blätter?‘

 

‚Ich kann dich nicht verstehen, sprich lauter.‘ Ich hatte meinen Spaß an ihm. Er schrie mir die Frage ins Ohr.

 

‚Noch lauter‘, forderte ich ihn auf.

 

Er schrie sich die Kehle aus dem Hals, und dann schrie ich plötzlich auch, und es war kein Spaß mehr. Ich verlor die Beherrschung und gab ihm mit dieser Hand hier eine solche Ohrfeige, dass er auf dem rechten Ohr nicht mehr hören konnte. Ehe er sich’s versah, gab ich ihm auch mit der anderen Hand eine Ohrfeige, und er war stocktaub. Wie ein geprügelter Hund schlich er davon, ohne noch einmal nach den Goldstücken zu fragen.

 

Um es kurz zu machen, so oder ähnlich erging es allen, die hier vorbeikamen. Wenn sie weiterzogen, waren sie entweder lahm oder blind, andere wiederum verloren vor Angst den Verstand. Du warst der Einzige, der mich nichts gefragt hat, sondern mir einen ‚Guten Tag‘ wünschte und weiterging. Nimm dir also so viele Goldstücke, wie du willst, du hast sie dir verdient.“

 

Vergnügt füllte Antonis seine Taschen mit Gold. Dann dankte er dem Mohren und setzte seinen Weg fort.

 

„Es war also doch richtig, dass ich dem Alten für seinen Rat ein Goldstück gegeben habe“, dachte er. „Gesunde, junge Männer wie ich sind dem Mohren begegnet, und was ist aus ihnen geworden? Taub, blind, lahm und geistig umnachtet müssen sie jetzt ihr Dasein fristen. Mich aber hat der Mohr reich gemacht.“

 

Als Antonis ein Stückchen Wegs gegangen war, traf er ein paar junge Burschen, die in die gleiche Richtung wollten wie er, und sie gingen zusammen weiter.

 

Kurze Zeit später kamen sie zu einem Wegweiser, auf dem sie lasen, dass sich in der Nähe eine Taverne befand.

 

„Lasst uns etwas trinken gehen!“, schlug einer der Burschen vor.

 

„Warum nicht!“ Die anderen waren begeistert.

 

„Warum nicht“, lag es auch Antonis auf der Zunge, doch dann fiel ihm der zweite Rat des Alten ein:

 

„Weiche niemals von dem Weg ab, den du einmal eingeschlagen hast.“

 

„Ich werde hier auf euch warten“, sagte er und setzte sich unter einen Baum. Und weil er von dem langen Fußmarsch erschöpft war, schlief er sofort ein.

 

Plötzlich schreckte er hoch. Ein Mann kam auf ihn zugestürzt und ließ sich heftig atmend neben ihn ins Gras fallen.

 

„Welch ein Unglück“, wimmerte der Fremde und gebärdete sich wie toll.

 

„Wovon sprichst du?“ fragte Antonis.

 

„Hast du nichts gesehen, nichts gehört?“

 

„Ich habe fest geschlafen und bin soeben erst aufgewacht“, entgegnete Antonis.

 

„Dann lass dir erzählen, was sich zugetragen hat“, fuhr der Fremde fort. „Ich wollte gerade die Taverne zumachen und nach Hause gehen, da kamen noch Gäste. Woher sollte ich ahnen, was geschehen würde, es schienen harmlose Burschen zu sein. Sie verlangten Anisschnaps. Ich schenkte ihnen meinen starken Selbstgebrannten ein und stellte einen Teller mit gerösteten Kichererbsen auf den Tisch. Sie leerten die Gläser und riefen wieder nach mir.

 

‚Schenk uns nach‘, verlangten sie. Ich gehorchte ihnen.

 

‚Noch mehr! Noch mehr!‘, schrien sie.

 

Was sollte ich tun? Ich füllte ihnen die Gläser immer wieder aufs Neue, und bald waren sie stockbetrunken. Plötzlich zog einer von ihnen seine Pistole. ‚Beng!‘, schoss er in die Luft. Ein zweiter tat es ihm gleich, ‚Bumm!‘, sauste eine Kugel in ein Fass mit Anisschnaps. Nun begannen sie alle wie wild herumzuschießen, ‚Bamm, bumm, bamm!‘ Im Nu waren die Fässer durchlöchert, und Schnaps, Wein und Ouzo flossen in Strömen. Ich raufte mir die Haare, während sie in den Pfützen herumpatschten und einen trunkenen Reigen begannen.

 

‚Ihr habt mich ruiniert!‘, rief ich ihnen zu.

 

‚Lass uns zufrieden‘, lachte einer von ihnen, ‚du siehst doch, heute Abend ist hier der Teufel los!‘ Er drückte ein letztes Mal ab und traf ein Fass mit reinem Alkohol. Das war das Ende. Bevor ich noch begriff, was geschehen war, ging die Taverne in Flammen auf. Zu meinem großen Glück stand ich in der Tür und konnte mich mit einem Sprung ins Freie retten, sonst wäre ich wie die anderen bei lebendigem Leib verbrannt. Diese Burschen haben es nicht anders gewollt, doch womit habe ich das alles verdient? Mein Besitz liegt in Schutt und Asche, und was soll nun aus mir werden?“

 

Antonis, der dem Wirt mit offenem Mund zugehört hatte, fand keine Worte. Das Einzige, was er denken konnte, war: „Da bin ich noch einmal glimpflich davongekommen. Und wenn man bedenkt, dass mich dieser Rat nur ein Goldstück gekostet hat. Der Alte hatte Recht, als er sagte, dass er noch wertvoller sei als der erste.“

 

Nach langer Wanderschaft gelangte Antonis endlich in sein Heimatdorf. Es war bereits dunkel, als er an die eigene Haustür klopfte, und seine Frau erkannte ihn nicht.

 

„Es ist vielleicht besser, wenn ich ihr nicht sofort sage, wer ich bin“, dachte Antonis. „So viele Jahre bin ich nun schon in der Fremde, ich will erst einmal sehen, was hier während meiner Abwesenheit vor sich geht.“

 

„Ich bin auf der Wanderschaft und ziehe morgen weiter“, sagte er deshalb zu seiner Frau. „Wenn du mich für die Nacht unterbringen könntest, wäre ich dir sehr dankbar.“ Er gab ihr zwei Goldstücke.

 

„Es tut mir Leid, aber im Haus kann ich dich nicht schlafen lassen“, entgegnete sie. „Du kannst dir im Keller ein Lager zurechtmachen. Geld nehmen wir hierzulande für unsere Gastfreundschaft nicht.“ Mit diesen Worten gab sie ihm das Gold zurück.

 

Sie brachte ihm einen Teller Suppe und zwei warme Decken und schloss die Tür hinter sich.

 

Wenig später sah Antonis von seinem Keller aus, wie ein Mann aus der Dunkelheit auftauchte und im Haus verschwand. Sofort stieg ihm das Blut in den Kopf.

 

„Das ehrlose Weib! Sie hat mich vergessen und einen anderen geheiratet. Und ich schinde mich in der Fremde für sie ab! Ich werde sie umbringen, sie und ihn.“ Er zog seine Pistole und war drauf und dran hinaufzustürmen. Im letzten Augenblick dachte er jedoch an den dritten Rat des Alten:

 

„Wenn dich am Abend der Zorn übermannt, unternimm niemals etwas vor dem nächsten Morgen.“

 

Er zögerte, doch in ihm kochte es.

 

„Unsinn! Es muss jetzt geschehen! Warum erst am nächsten Morgen? Kommt es nicht auf dasselbe heraus?“ Dann besann er sich.

 

„Nein, ich warte bis morgen. Ich habe immerhin ein Goldstück für diesen Rat bezahlt, das soll nicht umsonst gewesen sein.“ Er streckte sich auf seinem Lager aus um zu schlafen, konnte aber keine Ruhe finden.

 

„Sie haben mich auf übelste Weise hintergangen, ich werde sie beide erschießen.“ Schon war er wieder auf den Beinen.

 

Da kamen ihm die Worte des Alten in den Sinn. Er hatte gesagt, dass ihm der dritte Rat noch mehr nützen würde als der zweite. So beschloss Antonis, die beiden in aller Frühe umzubringen.

 

Er konnte lange nicht einschlafen. Als er am nächsten Morgen erwachte, hörte er über sich im Haus Schritte. Sein Blut geriet abermals in Wallung, doch nach kurzem Nachdenken sagte er sich:

 

„Möge Gott sie für ihre Schande strafen, ich tue es nicht!“ Er öffnete die Kellertür, um sein Haus für immer zu verlassen. Im gleichen Augenblick ging oben ebenfalls die Tür auf, und eine Männerstimme war zu hören:

 

„Auf Wiedersehen, Mutter. Heute Abend wird es nicht so spät.“

 

Als Antonis das hörte, schlug er sich an die Stirn.

 

„Mein Gott“, stöhnte er, „was wollte ich tun. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte mein eigen Fleisch und Blut getötet.“

 

Er lief die Treppe hinauf und schloss Frau und Kind in die Arme. Sie küssten sich und weinten vor Freude, dann gingen sie zu dritt ins Haus. Antonis leerte seine Taschen aus, und die Goldstücke funkelten im Licht der Morgensonne.

 

„Dieses Gold mag eine Menge wert sein“, sagte er zu den beiden, „aber ein guter Rat ist tausendmal mehr wert. Ein alter Mann gab mir drei Ratschläge, und der dritte war der beste: ‚Wenn dich am Abend der Zorn übermannt, unternimm niemals etwas vor dem nächsten Morgen.‘“ Mit diesen Worten umarmte und küsste er seine Frau und seinen Sohn aufs Neue.

 

Nun lebten sie herrlich und in Freuden, und es ging ihnen wohl bis an ihr Ende.


Excerpted from "Griechische Volksmärchen II" by Menelaos Stephanides
Copyright © by Dimitris Stefanidis. All rights reserved.
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