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2. Von Göttern und Menschen

(German)

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„Und auf dem Olymp? Dort gibt es nichts außer nackten, kalten Gipfeln, die hin und wieder von mutigen Bergsteigern bezwungen werden.“ Mit diesen Worten schließt der vorliegende Band. Er entführt den Leser auf eine Reise in die Welt der griechischen Mythologie, die bei der Geburt der Menschheit beginnt und beim Niedergang der antiken griechischen Religion endet. Namen und Ereignisse, die Teil unserer abendländischen Identität geworden sind, werden auf den Seiten dieses Buches lebendig: Prometheus, der den Menschen das Feuer schenkt, das Rätsel um die Büchse der Pandora, König Midas mit seiner verhängnisvollen Gabe, alles, was er berührt, in Gold zu verwandeln, der Sänger auf dem Rücken eines Delfins. Der Leser entdeckt, woher der Ausdruck „Tantalusqualen“ kommt und erlebt das tragische Ende von Ikaros’ Höhenflug mit, er erfährt, wie der Peloponnes und der Erdteil Europa ihre Namen erhielten. Verzaubert liest er von Orpheus und Eurydike und ihrer großen Liebe. Auch wenn die Götter der Griechen längst im Dunkel der Zeiten verschwunden sind, lebt ihr Erbe fort.

2. Von Göttern und Menschen

(German)

 

Retold by Menelaos Stephanides
with 31 pencil drawings by Yannis Stefanides
Translation: Christina Tell
256 pages, paperback, pocket size 16,5 x 11,5 cm

Ages: 12 and up

ISBN-10: 9604250906, ISBN-13: 9789604250905

 

PELOPS UND OINOMAOS

 

Wer in das Museum von Olympia kommt, wird voller Bewunderung vor den Skulpturen stehen bleiben, die einst die beiden Giebel des Zeustempels schmückten.

 

Auf dem östlichen Giebel war das Wagenrennen von Pelops und Oinomaos dargestellt und auf dem westlichen der Kampf der Kentauren und Lapithen.

 

Allein schon die Tatsache, dass diese beiden Mythen in so wunderbaren Kunstwerken ihren Niederschlag fanden, rechtfertigt ihre Auswahl für dieses Buch.

 

Bevor wir mit dem Mythos über das Wagenrennen von Pelops und Oinomaos beginnen, wollen wir erzählen, wie es Pelops’ Vater erging.

 

Im kleinasiatischen Phrygien, dort, wo einst unter den heiligen Gipfeln des Tmolosgebirges König Midas regierte, lebte zum Zeitpunkt unserer Erzählung König Tantalos, der Sohn des Zeus und der Pluto.

 

Tantalos hatte alles, was sich ein Herrscher nur wünschen konnte. Er besaß fruchtbares Ackerland, das ihm jedes Jahr reiche Ernten einbrachte. Auf fetten Wiesen tummelten sich Schafe und prächtige Widder mit gebogenen Hörnern, an anderer Stelle wiederum grasten Rinder, die von Reitern auf stolzen Rossen zu den besten Weideplätzen geführt wurden. Tagtäglich trafen bei Tantalos kostbare Geschenke von anderen Fürsten ein, die ihm auf diese Weise zeigen wollten, dass sie seine Herrschaft anerkannten. Außerdem befand sich der Paktolos in seinem Reich, der goldreichste Fluss der Welt.

 

Als ob dieser materielle Wohlstand nicht schon Segen genug gewesen wäre, genoss Tantalos auch die Freundschaft der Götter in einem Maße, wie es keinem anderen Menschen auf Erden vergönnt war. Oft stiegen die Unsterblichen vom Olymp herab, um mit ihm in seinem goldenen Palast zu essen und zu trinken und Feste zu feiern. Dann wieder luden sie ihn zu ihren Symposien ein, wo sie ihn Ambrosia und Nektar kosten ließen.

 

Sein Vater Zeus liebte Tantalos so sehr, dass er ihn sogar an den Beratungen der Götter teilnehmen ließ, wo die großen Beschlüsse über das Schicksal der Menschheit gefasst wurden.

 

Diese Zuneigung von Seiten der Götter und von Zeus selbst erfüllte den König von Phrygien mit Stolz, und er glaubte, dass er ihnen ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen sei. Sein Respekt vor ihnen schwand allmählich dahin. Er nahm Ambrosia und Nektar mit auf die Erde, um die göttliche Nahrung mit seinen sterblichen Freunden zu teilen, er prahlte vor ihnen und verriet ihnen die Geheimnisse der Götter. Zeus wies ihn ärgerlich zurecht und erklärte ihm, er müsse in Zukunft vorsichtiger sein, wenn er sich seine Freundschaft und die der anderen Götter erhalten wolle, doch Tantalos antwortete selbstgefällig:

 

„Ich mache, was ich will. Ich bin stark und habe es nicht nötig, mich belehren zu lassen.“

 

Zeus runzelte die Stirn, doch er liebte seinen Sohn sehr und bestrafte ihn nicht.

 

Das hatte zur Folge, dass Tantalos noch unverschämter wurde. Es kam so weit, dass er die Götter belog und seine Lügen mit einem Meineid zu bekräftigen suchte. Er behauptete nicht zu wissen, wo sich ihr Lieblingstier, der goldene Hund von Kreta, befand, obwohl er ihn selbst versteckt hatte.

 

Bis zu jenem Zeitpunkt hatte noch nie ein Unsterblicher einen Eid gebrochen, und wer von den Sterblichen dies gewagt hatte, war dafür bestraft worden. So war es nicht verwunderlich, dass Zeus in Zorn geriet, als er von der Angelegenheit erfuhr. Letztendlich siegte aber doch die Liebe zu seinem Sohn, und er ließ ihn ein weiteres Mal unbestraft.

 

Tantalos deutete das Verhalten seines Vaters als Schwäche. In seiner Selbstgefälligkeit war er so blind zu glauben, dass er der Stärkere sei und dass er das schlimmste Verbrechen begehen könne, ohne für die Folgen einstehen zu müssen. Kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, grübelte er auch schon darüber nach, was wohl das schlimmste Verbrechen sei. Leider kam er bald darauf. Er beschloss, seinen Sohn zu töten, dessen Fleisch zuzubereiten und es den Göttern als Speise vorzusetzen. Auf diese Weise wollte er sie demütigen und ihnen beweisen, dass sie nicht allwissend waren, wie sie immer behaupteten, da sie ja nicht einmal wussten, was sie aßen.

 

Tantalos lud die Götter in seinen Palast ein und ließ ihnen das grässliche Gericht servieren.

 

Die Unsterblichen merkten sofort, was auf ihren Tellern lag, und rührten das Essen nicht an. Alle wandten ihre Blicke Zeus zu und warteten, was geschehen würde. Der Vater der Götter und der Menschen wechselte die Farbe, er war schrecklich anzusehen in seinem Zorn. Blitz und Donner erschütterten die Erde. Ein solches Verbrechen durfte nicht unbestraft bleiben. Zeus stieß seinen Sohn in das finstere Reich des Hades hinab, wo ihn ewige Qualen erwarteten.

 

Tantalos wurde dazu verurteilt, in einem See mit kristallklarem Wasser zu stehen und dabei vor Durst zu vergehen. Immer wenn er sich zum Trinken niederbeugte, verschwand das Wasser vor seinen Augen, und er stand auf trockenem, rissigem Boden. Sobald er sich wieder aufrichtete, war auch das Wasser wieder da, frisch und klar wie zuvor, und es reichte ihm bis zur Hüfte. Tantalos versuchte es stets aufs Neue, wenigstens ein paar Tropfen zu erhaschen, doch er brachte es nicht einmal fertig, seine Lippen zu benetzen, und blieb ewig durstig. Das war aber noch nicht alles. Über seinem Kopf hingen Zweige mit reifem, appetitlichem Obst, und er hatte großen Hunger. Wenn er die Hände nach den Früchten ausstreckte, fuhren die Zweige in die Höhe, und er konnte sie nicht mehr erreichen. So griff Tantalos jedesmal ins Leere und musste ewigen Hunger leiden. Und als ob diese beiden Strafen nicht ausgereicht hätten, gab es noch eine dritte. Ein riesiger Felsblock hing lose über seinem Kopf und drohte ihn zu zerschmettern. Bei jeder Bewegung des mächtigen Steins stand Tantalos tausend Ängste aus, doch der Felsen kam niemals herab, und Tantalos’ Qual nahm kein Ende.

 

Hart, aber gerecht strafte Zeus den König von Phrygien, der sich stärker als die Götter dünkte. Anschließend rief er Hermes herbei und trug ihm auf, alle Fleischteile von den Tellern zu nehmen, sie gut zu waschen und wieder zusammenzufügen. Mit großem Geschick führte Hermes den Auftrag seines Vaters aus. Es fehlte allerdings ein Stück von der Schulter des getöteten Jünglings. Demeter, die über den Verlust ihrer Tochter tief bekümmert war, hatte es gegessen, ohne zu merken, worum es sich handelte. Hephaistos ersetzte das Stück durch kunstvoll bearbeitetes weißes Elfenbein, dann hauchte Zeus den Körper an, und der Sohn des Tantalos wurde wieder lebendig. Der Jüngling, dessen Name Pelops war, hatte einen weißen Fleck an der Schulter, und seit jener Zeit hielt man jeden Menschen, der irgendwo einen weißen Fleck auf der Haut hatte, für einen Nachkommen des Pelops.

 

Pelops bestieg den Thron seines Vaters, doch er regierte nicht lange. Wenig später wurde er vom König Trojas besiegt und musste das Land verlassen. Er nahm von den Schätzen seines Vaters mit, was er tragen konnte, und fuhr gemeinsam mit seiner Schwester Niobe, von der noch in einem späteren Kapitel die Rede sein wird, und einigen treuen Männern nach Griechenland.

 

Auf der Suche nach einer neuen Heimat kam er schließlich nach Pisa, dem heutigen Olympia, wo König Oinomaos herrschte.

 

Oinomaos hatte eine wunderschöne Tochter, Hippodameia mit Namen. Er versuchte, mit allen Mitteln zu verhindern, dass sie heiratete, denn es war ihm vom Orakel prophezeit worden, dass er einst durch die Hand seines eigenen Schwiegersohns sterben müsse. Um diesem Schicksal zu entgehen, hatte der König beschlossen, jeden Freier umzubringen. Er ging dabei klug vor, indem er erklärte, dass er seine Tochter nur dem zur Frau geben wolle, der ihn im Wagenrennen besiegte. Wem dies aber nicht gelänge, den würde er mit seinem Speer töten.

 

Natürlich war sich Oinomaos seiner Sache absolut sicher. Alle Bewerber würden ihr Leben verlieren, denn die königlichen Rosse waren schneller als der stürmische Nordwind, und er selbst galt als der beste Wagenlenker in ganz Griechenland.

 

Bis zu dem Zeitpunkt, als Pelops in Pisa eintraf, hatten bereits dreizehn tapfere Männer ihr Leben für Hippodameia aufs Spiel gesetzt, und alle waren sie dabei umgekommen. Auch Pelops erlag dem Zauber der schönen Königstochter, und er beschloss, das Rennen gegen den unbesiegbaren Oinomaos zu wagen.

 

Hippodameia aber hatte Pelops lieb gewonnen. Sie bat ihn, von seinem Vorhaben abzulassen, damit nicht auch er sein Leben verlöre wie schon so viele andere vor ihm.

 

„Mein Vater besitzt die schnellsten Pferde auf der Welt“, warnte sie ihn, „und er ist der beste Wagenlenker in ganz Griechenland. Es wäre mir lieber, du würdest Pisa verlassen, selbst wenn ich dich dann niemals wiedersehe, als dass du für mich in den Tod gehst.“

 

„Ich werde nicht sterben, sondern dich zu meiner Frau machen“, entgegnete Pelops. „Meine Pferde sind so schnell wie der Wind, Poseidon hat sie mir geschenkt. Außerdem genieße ich die Gunst der Götter, und sie werden mir beistehen.“

 

Pelops trat vor den König und bat ihn um die Hand seiner Tochter. Er erklärte, dass er für das Wagenrennen bereit sei.

 

„Wie du meinst“, sagte Oinomaos. „Wenn es dir um deine Jugend nicht Leid tut, so soll es mir auch nicht Leid tun. Ich will dir jedoch eine Chance geben wie den anderen vor dir auch. Du darfst eine Stunde vor mir losfahren. Wenn ich dich aber einhole, hast du dein Leben verwirkt.“

 

Hermes wollte Pelops auch dieses Mal helfen.

 

„Wir haben ihm das Leben wiedergegeben, als ihn sein Vater tötete, sollen wir ihn jetzt seinem Schicksal überlassen?“, fragte er den Göttervater.

 

Denselben Gedanken hatte Zeus auch schon gehabt. Er schickte Hermes zu dessen Sohn Myrtilos, der Wagenlenker bei Oinomaos war.

 

„Myrtilos, hör mir gut zu.“ Der Götterbote nahm den Wagenlenker beiseite. „Bei diesem Rennen soll nicht Pelops sterben, sondern Oinomaos. Sorge dafür, dass der Wagen deines Herrn während der Fahrt aus den Fugen gerät.“

 

Nun war der Sohn des listigen Hermes nicht weniger gewitzt als sein Vater, deshalb wusste er sogleich, was zu tun war.

 

In der Nacht schlich er sich heimlich zum Wagen des Königs und ersetzte den hölzernen Nagel, mit dem das rechte Rad an der Achse befestigt war, durch einen Nagel aus Wachs…

 

Das Wagenrennen war für den nächsten Tag angesetzt. Es sollte früh am Zeustempel von Olympia beginnen und gegen Abend am Poseidontempel in der Landenge von Korinth enden.

 

Wie immer ließ Oinomaos seinen Gegner als Ersten losfahren. Er selbst ging unterdessen in den Tempel und brachte Zeus ein Opfer. Als die Zeremonie beendet war, war Pelops schon weit voraus, doch Oinomaos sprang auf seinen Wagen und folgte ihm wie der Blitz. Nun hatte aber auch der Sohn des Tantalos schnelle Pferde, und der König von Pisa fuhr viele Stunden, ohne dass der andere Wagen vor ihm auftauchte. Da wurde er unruhig und schlug mit der Peitsche auf seine Pferde ein. Noch nie war es ihm passiert, dass er eine so große Strecke zurückgelegt hatte, ohne seinen Gegner einzuholen. Irgendwann sah er in der Ferne endlich einen Wagen. Er schöpfte Mut, und die Pferde liefen schneller, als ob ihnen der Anblick neue Kräfte verliehen hätte. Der Abstand zwischen den beiden Wagen verringerte sich zusehends, da drehte sich Pelops plötzlich um und gewahrte Oinomaos, der wie ein Sturmwind näher kam. Von diesem Augenblick an begann eine rasende Verfolgungsjagd. Es schien, als ob Pelops’ Pferde spürten, dass ihnen ein schrecklicher Gegner auf den Fersen war. Sie galoppierten schneller, sodass Oinomaos nicht an Pelops herankam. Dieser unternahm übermenschliche Anstrengungen, um die Tiere zu noch schnellerem Lauf anzuspornen. Beiden Männern schlug das Herz bis zum Hals, denn sie wussten recht gut, dass es sich um ein Rennen auf Leben und Tod handelte. Oinomaos setzte alles daran, um das Letzte aus seinen Pferden herauszuholen. Er ließ die Peitsche unablässig auf– und niedersausen, und da Pelops’ Pferde an die Grenze ihres Leistungsvermögens gelangt waren, gewann der König von Pisa allmählich an Boden. Als er sah, dass sich der Abstand zwischen den beiden Wagen verringerte, war er nicht mehr zu halten. Den langen Speer schwingend, sprang er wie besessen auf dem Gefährt auf und ab. Auf seinem Gesicht malte sich eine wilde Freude, denn er wähnte sich seines Sieges jetzt ganz sicher. Am Horizont war bereits der Poseidontempel zu erkennen, den sie zum Endpunkt ihres Rennens bestimmt hatten. Oinomaos wurde noch einmal schneller, Pelops kämpfte verbissen um sein Leben, doch seine Pferde waren am Ende ihrer Kräfte. „Ihr Götter“, rief der junge Mann verzweifelt, „wie könnt ihr zulassen, dass ich sterben muss? Wozu habt ihr mich dann wieder zum Leben erweckt, als mich mein Vater tötete?“ Die Götter hatten ihn offensichtlich vergessen. Der wächserne Nagel hielt, als wäre er aus Eisen, und Oinomaos hetzte hinter ihm her wie Lailaps, der Hund, der niemals seine Beute verlor. Die Räder der beiden Wagen donnerten über das Pflaster der Straße, und dann war es so weit. Mit einem fürchterlichen Schrei holte Oinomaos aus, um Pelops den mörderischen Stoß in den Rücken zu versetzen. Gerade in diesem Augenblick löste sich das Rad von der Achse. Der königliche Wagen überschlug sich, und Oinomaos wurde zu Tode geschleift. Das war das Ende des grausamen Königs von Pisa, und es war gleichzeitig das Ende des Rennens. Durch das Eingreifen von Myrtilos hatte Pelops gesiegt. Er heiratete die schöne Hippodameia und bestieg den Thron von Pisa.

 

Nun nehmen diese alten Geschichten selten ein gutes Ende. Obwohl die Mythen von wundersamen Ereignissen berichten, sind sie noch lange keine Märchen, und der Satz „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute...“ wäre fehl am Platz. Der Mythos von Pelops bildet da keine Ausnahme.

 

Pelops erfuhr, dass Hermes seine Rettung veranlasst hatte, und um dem Gott zu danken, errichtete er einen Tempel für ihn. Das war der erste Hermestempel der Welt. Außerdem ließ er Myrtilos zu sich kommen.

 

„Verlange von mir, was du willst“, ermunterte er den Wagenlenker, „ich werde dir jeden Wunsch erfüllen.“

 

Pelops konnte allerdings nicht ahnen, was sich Myrtilos wünschen würde. Der Sohn des Hermes verlangte nicht mehr und nicht weniger als das halbe Königreich.

 

Den König von Pisa kam es schwer an, so viel Vermögen herzugeben. Nach einer schlaflosen Nacht forderte er Myrtilos auf, mit ihm hinauszugehen, damit sie gemeinsam die Grenzen ihrer Reiche festlegen könnten. Als sie am Rand einer Steilküste standen, gab er dem Wagenlenker einen Stoß, sodass er kopfüber ins Meer stürzte.

 

Noch im Fallen verfluchte Myrtilos Pelops und dessen Nachkommen. Vergeblich bat dieser nun Hermes, der ihm schon zweimal geholfen hatte, den Fluch wieder von ihm zu nehmen. Sein Flehen stieß auf taube Ohren, denn sein Verbrechen wog doppelt schwer. Er hatte nicht nur den Sohn eines Gottes getötet, sondern auch den Mann, der ihm das Leben gerettet hatte. Myrtilos’ Fluch erfüllte sich. Pelops und seine Nachkommen erfuhren großes Unglück, sie begingen schreckliche Verbrechen und wurden von den Göttern hart dafür bestraft. Trotz alledem geriet der Name Pelops niemals in Vergessenheit, denn die Halbinsel, wo sich dies alles zutrug, wurde nach ihm benannt und heißt seit jener Zeit Peloponnes.

 

Das war der Mythos, der am Ostgiebel des Zeustempels dargestellt war. Auf dem Westgiebel dagegen war die Schlacht der Lapithen gegen die Kentauren zu sehen.

 

Die Lapithen lebten in Thessalien. Von Ixion, einem ihrer Könige, war schon in einem anderen Buch dieser Reihe die Rede. Dort haben wir auch erfahren, wie der erste Kentaur geboren wurde. Es hieß, dass die Kentauren allesamt Nachkommen des Ixion und der Nephele gewesen seien. Sie waren merkwürdige, wilde Wesen mit menschlichem Oberkörper und dem Leib eines Pferdes. Eine Ausnahme unter den ungebärdigen Kentauren bildete der weise Cheiron, der außerdem unsterblich war. Viele griechische Heroen waren seine Schüler, und er unterrichtete sogar Götter wie Asklepios, der von ihm die Kunst des Heilens lernte.

 

Die Kentauren und die Lapithen waren Nachbarvölker. Bis zu den Ereignissen, von denen wir jetzt berichten, hatten sie im Peliongebirge friedlich zusammengelebt.

 

Zum Zeitpunkt unserer Geschichte herrschte der Heros Peirithoos über die Lapithen. Er wollte die schöne Deidameia heiraten und hatte ein großes Fest ausgerichtet, zu dem Heroen aus ganz Griechenland kamen. Da die Kentauren von einem Lapithenkönig abstammten, lud er sie mit ihrem Anführer Eurytion ebenfalls zu seiner Hochzeit ein und deckte für sie eine festliche Tafel in einer Höhle in der Nähe des Palastes.

 

Die königlichen Diener brachten neben erlesenen Speisen auch viele Krüge mit starkem Wein in die Höhle. Nun wussten die Kentauren allerdings nicht, dass man dieses Getränk mit Wasser vermischen musste. Sie tranken es pur und waren schon bald betrunken.

 

Auch ihrem Anführer war der Wein zu Kopf gestiegen, sodass er nicht mehr wusste, was er tat. Ein unbändiges Verlangen nach der Braut hatte ihn ergriffen, dem er sofort nachgab. In wildem Galopp stürmte er zum Palast, drang in den großen Saal ein und packte die schöne Deidameia, um sie mit sich fortzuschleppen.

 

Peirithoos geriet außer sich vor Zorn, als er sah, welche Schmach Eurytion ihm und seiner Frau antun wollte. Er zog das Schwert und stürzte sich auf den Eindringling. Einige seiner Freunde leisteten ihm Beistand, und mit vereinten Kräften zwangen sie Eurytion zum Rückzug.

 

„Seht nur, was Peirithoos mit mir gemacht hat“, rief dieser seinen Gefährten zu, als er mit blutüberströmtem Gesicht in die Höhle kam. „Kommt, wir wollen ihnen die Frauen rauben.“

 

Das brauchte er den betrunkenen Kentauren nicht zweimal zu sagen. Sie folgten ihm zum Palast und stürzten sich wollüstig auf die Frauen der Lapithen.

 

Die Lapithen zogen abermals ihre Schwerter, und die Kentauren bewaffneten sich mit Stühlen, Dreifüßen, Tischbeinen und was immer ihnen sonst in den Weg kam. Ein heftiger Kampf begann, von dessen Getöse der ganze Saal widerhallte. Obwohl die Lapithen ihre Frauen mit dem größten Heldenmut verteidigten, gelang es einigen Kentauren, ihre Opfer ins Freie zu bringen. Die übrigen Kämpfenden folgten ihnen, und die Auseinandersetzung wurde unter freiem Himmel fortgesetzt. Die Kentauren, die über gewaltige Kräfte verfügten, waren zweifellos im Vorteil. Sie schleuderten Felsbrocken auf die Menschen und schlugen mit ihren Keulen auf sie ein. Im entscheidenden Augenblick eilte den Lapithen jedoch ein Freund des Peirithoos zu Hilfe. Es war Theseus, der große Heros von Athen. Er tötete Eurytion, wodurch die Lapithen sofort wieder Mut schöpften. Sie stürmten nun unter Theseus’ Führung mit neuen Kräften gegen die Kentauren an und richteten unter ihnen ein grässliches Blutbad an. Nur wenigen Kentauren gelang es, in die Berge zu fliehen, doch auch sie lebten nicht mehr lange. Einige Jahre später fielen sie Herakles’ Pfeilen zum Opfer. Sie hatten den Heros angegriffen und mussten dafür mit dem Leben bezahlen.

 

So wurde das Peliongebirge von den wilden, grausamen Kentauren befreit.

 

Leider kam auch der weise Cheiron nicht mit heiler Haut davon. Durch eine Unachtsamkeit von Herakles wurde er schwer verletzt, und weil er unsterblich war, musste er sich jahrelang quälen. Schließlich flehte er Zeus an, ihn sterben zu lassen, damit er die unerträglichen Schmerzen nicht in alle Ewigkeit zu ertragen brauchte.


Excerpted from "Gods and Men" by Menelaos Stephanides
Copyright © by Dimitris Stefanidis. All rights reserved.
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