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Nefele

 

PHRIXOS UND HELLE

 

Es geschah vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch in der faszinierenden Welt ihrer Mythen lebten. An einem schönen Frühlingstag zog eine einzige Wolke über den strahlend blauen Himmel dahin. Auf ihr saß ein hübsches Mädchen. Es war Nephele, eine Nymphe des Himmels. Von ihrem luftigen Sitz aus bot sich ihr ein überwältigender Anblick. Soweit das Auge reichte, gab es dicht bewaldete Berge und grüne Täler, Flüsse und Seen schimmerten im Sonnenlicht, und die Küstenlinie mit den ihr vorgelagerten Inseln ähnelte einem von Menschenhand geschaffenen, zarten Spitzengewirk. Voller Staunen sah Nephele auf die herrliche Landschaft hinab. Dieses Fleckchen Erde, Griechenland genannt, war von den Göttern mit landschaftlichen Schönheiten reich bedacht worden.

 

Wie Nephele so über den Himmel schwebte, erblickte sie unter sich eine Stadt. Es war das reiche Orchomenos, das auf einer Anhöhe nahe des Kopaissees erbaut worden war. Ein großes, prächtiges Gebäude an der höchsten Stelle der Stadt zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die Nymphe war von der architektonischen Vollkommenheit des Bauwerkes, bei dem es sich allem Anschein nach um den Königspalast handelte, sehr beeindruckt und flog etwas tiefer hinab, um die Marmorsäulen aus der Nähe zu betrachten. Je näher sie dem Palast kam, umso größer wurde ihr Erstaunen, bis es sie schließlich nicht länger auf der Wolke hielt und sie, von Neugier beflügelt, auf die weitläufige Terrasse hinabstieg.

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Im gleichen Augenblick öffnete Athamas, der junge König von Orchomenos, die Tür, um auf die Terrasse hinauszugehen. Seine Verwunderung kannte keine Grenzen, als er das zarte himmlische Wesen erblickte. Auch Nephele betrachtete den schönen Jüngling überrascht. Und in der nächsten Sekunde war es schon geschehen. Eros, der geflügelte Sohn der Aphro­dite, dem nichts auf Erden entging, schwebte unsichtbar heran und schoss ihnen zwei seiner Pfeile mit unfehlbarer Sicherheit mitten ins Herz. Die beiden verliebten sich ineinander, heirateten, und Nephele kehrte nicht mehr in den Himmel zurück, sondern blieb bei Athamas in dem prächtigen Palast.

 

Schon bald wurden ihnen zwei hübsche Kinder geboren, die sie Phrixos und Helle nannten und die ihnen das Liebste waren, was sie auf Erden besaßen. Als jedoch einige Zeit vergangen war, wurde Nepheles Glück von einem geheimen Kummer überschattet. Sie war an das freie Leben im Himmel gewöhnt und konnte sich auf die Dauer nicht mit den Einschränkungen abfinden, die ihr Erdendasein mit sich brachte. Obwohl sie in einem Palast lebte, fühlte sie sich wie in einem Gefängnis. Immer öfter ging sie auf die Terrasse hinaus, und wenn sie die Wolken am Himmel dahinziehen sah, drückte es ihr fast das Herz ab. Es kamen Momente, in denen sie in Erwägung zog, Orchomenos zu verlassen, doch sobald sie dann ihre Kinder vor sich sah, verwarf sie diesen Gedanken und schämte sich ihrer eigennützigen Regungen. Ihre Betrübnis wuchs indessen von Tag zu Tag, immer häufiger geschah es, dass sie sich in ihre Gemächer zurückzog, um sich hemmungslos ihren Tränen zu überlassen.

 

Und irgendwann kam dann der Zeitpunkt, wo sie es nicht mehr ertragen konnte. Wieder einmal stand sie auf der Terrasse, ganz und gar in den Anblick des Himmels verloren, der ihr so sehr fehlte, als ihr eine Wolke direkt vor die Füße schwebte. Nun zögerte Nephele keinen Augenblick mehr.

 

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Weder die Liebe zu ihren Kindern noch die zu ihrem Mann konnte sie zurückhalten. Sie vergaß alles, was sie mit der Erde verband, und flog frei wie ein Vogel in die luftige Weite hinauf.

 

Auf diese Weise verloren Athamas’ Kinder ihre Mutter. Bevor sich der König von diesem Schicksalsschlag erholen konnte, erschien ein unbekanntes Mädchen im Palast, deren Kleider auf eine edle Herkunft schließen ließen. Auf ihrem Antlitz zeichnete sich Erschöpfung ab, und es war ihr anzusehen, dass sie großes Leid erfahren hatte.

 

„Mein Name ist Ino“, begann sie, als sie vor dem König stand. „Ich bin die Tochter des Königs von Theben und bitte dich hiermit um deinen Schutz. Obwohl mich Kadmos, mein Vater, sehr liebte, beugte er sich Heras Willen und schickte mich fort. Die mächtige Göttin fürchtete, dass ich den kleinen Dionysos aufziehen würde, falls ich in Theben bliebe, und das wollte sie auf keinen Fall zulassen. Dionysos ist zwar ein Sohn des Zeus, doch der Göttervater hat ihn mit meiner Schwester Semele gezeugt und nicht mit Hera. Seither ziehe ich als Verbannte durch das Land, und der Zufall führte mich in deinen Palast. Ich flehe dich an, hab Mitleid mit mir und lass mich hier bleiben, sei es auch nur als deine Sklavin.“

 

Während Ino sprach, gingen Athamas sonderbare Gedanken durch den Kopf. „Wie seltsam!“, sagte er sich. „Eine geht, die andere kommt. Offensichtlich haben es die Götter so gewollt.“

 

„Du bist genau im richtigen Moment gekommen“, entgegnete er Ino. „Ebenso sehr wie du meine Hilfe benötigst, benötige ich die deine. Bleibe im Palast, und wenn du willst, kannst du sogar meine Frau werden. Du musst mir nur versprechen, dass du gut für meine Kinder sorgen wirst. Phrixos und Helle sind von ihrer Mutter verlassen worden. Es ist mir ein Rätsel, wie sie das übers Herz bringen konnte.“

 

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„Auch wenn es nicht meine Kinder sind“, versicherte Ino, „so ist der Umstand, dass es sich um die Kinder meines Mannes handelt, Grund genug, sie wie eine leibliche Mutter zu lieben.“

 

So kam es, dass Athamas die Tochter des Kadmos heiratete.

 

Anfangs war Ino wirklich gut zu den Geschwistern, als sie dann jedoch selbst ein Kind bekam, begann sie, Phrixos und Helle zu vernachlässigen. Nach ihrer zweiten Niederkunft verschlimmerte sich dieser Zustand, und nach der dritten fühlte sie für Nepheles Kinder nichts als unversöhnlichen Hass.

 

Phrixos und Helle litten sehr unter dieser Situation. Oft gingen sie auf die Terrasse hinaus und suchten mit den Augen den Himmel ab, immer in der Hoffnung, die Nymphe auf einer Wolke zu entdecken. Keinen Augenblick lang glaubten sie daran, dass ihre Mutter sie vergessen hatte. Sie wurden freilich immer wieder enttäuscht. Nephele dachte zwar unablässig an sie, vermied es aber auf das sorgfältigste, in die Nähe von Orchomenos zu kommen. Sie konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass die Kinder dort auf sie warteten und sich nach ihr sehnten. Außerdem war ihr nun, da eine andere ihren Platz eingenommen hatte, jede Rückkehr verwehrt.

 

Auf diese Weise vergingen einige Jahre. Phrixos wuchs zu einem hübschen Jüngling heran, und Helle wurde schön wie eine kleine Göttin. Die beiden waren der ganze Stolz des Landes, nur Ino bereitete ihr Anblick höchstes Unbehagen. Als Athamas mit der Zeit das Regieren immer schwerer fiel, beschloss er, seinen Sohn Phrixos zum Thronerben einzusetzen. Ino schäumte vor Wut. Ohne sich ihrem Mann gegenüber etwas anmerken zu lassen, sann sie Tag und Nacht darüber nach, wie sie es bewerkstelligen könne, dass nicht Phrixos, sondern ihr Sohn Learchos König über Orchomenos wurde. Schließlich heckte sie einen teuflischen Plan aus, um ihren Stiefsohn aus dem Weg zu räumen.

 

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Um die Zeit, da die Felder bestellt werden mussten, befahl sie ihren getreuesten Dienerinnen, das gesamte Saatgut zu rösten. Als nun die Bauern wie in jedem Jahr in den Palast kamen, um sich das Korn aus den Vorratskammern des Königs zu holen, war dieses unfruchtbar. Ohne auch nur das Geringste zu ahnen, pflügten die Männer ihre Felder und begannen mit der Aussaat. Bald war die ganze Tiefebene von Orchomenos bestellt. Der Regen netzte den fruchtbaren Boden, doch die Zeit verging, und nicht ein einziges Saatkorn keimte. Nur das Unkraut wucherte auf den öden Feldern.

 

„Was ist geschehen? Warum ist die Saat nicht aufgegangen? Was sollen unsere Kinder essen? Warum strafen uns die Götter?“ Diese und ähnliche Fragen stellten sich die Menschen in Orchomenos. Und als dann der Hunger kam, beschloss Athamas, das Orakel von Delphi nach dem Grund für ihre Not zu befragen. Vielleicht konnte man auf diese Weise erfahren, wie weiteres Übel abzuwenden wäre.

 

Ino hatte diesen Schritt vorausgesehen. Sie wählte die Boten, die zum Orakel geschickt wurden, selbst aus, und Athamas, der natürlich nichts Böses ahnte, hatte dagegen nichts einzuwenden. So konnte die Königin ihren Plan ungehindert in die Tat umsetzen. Sie bestach die Gesandten und gab ihnen heimlich Anweisungen, nicht nach Delphi zu gehen. Als die Männer in den Palast „zurückkehrten“, traten sie vor Athamas und Ino, um ihnen den „Orakelspruch“ zu verkünden, genau wie es ihnen aufgetragen worden war:

 

„Wehe, wir bringen schlechte Nachricht aus Delphi! Die Götter zürnen uns, weil Phrixos zum Thronerben von Orchomenos bestimmt wurde. Die Erde wird erst wieder Frucht tragen, wenn der Sohn der Nephele auf dem höchsten Gipfel des Laphystiongebirges geopfert wird!“

 

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Athamas war wie vom Donner gerührt, als er die Worte der Gesandten vernahm.

 

„Das werde ich niemals zulassen!“, rief er. „Lieber will ich selbst sterben als meinen Sohn opfern. Hört mir gut zu, was ich euch zu sagen habe. Niemand darf von diesem Orakelspruch etwas erfahren, sonst ergeht es euch schlecht!“

 

„Dein Wunsch sei uns Befehl“, versicherte Ino scheinheilig. Sobald sie jedoch allein geblieben war, verlor sie keine Zeit mehr, sondern lief schleunigst in die Frauengemächer des Palastes, um dafür zu sorgen, dass das Geheimnis überall verbreitet wurde. Nach kurzer Zeit wusste jeder im Land von dem Orakelspruch und der Weigerung des Königs, ihm zu gehorchen.

 

Nun war aber Phrixos bei den Einwohnern von Orchomenos so beliebt, dass ihm niemand etwas Böses wünschte. Auf dem Markt versammelte sich eine große Menschenmenge, und alle redeten aufgeregt durcheinander.

 

Zweifel wurden laut. „Wer kann uns garantieren, dass die Felder nach dem Opfer tatsächlich wieder Korn tragen?“, hieß es, und „Vielleicht sagt man uns später, dass wir auch Helle opfern müssen und dann unsere Kinder!“

 

„Als ob das Orakel immer recht behielte!“

 

Niemand konnte verstehen, weshalb die Götter den Tod eines Unschuldigen forderten, und es schien, als ob die allgemeine Stimmung für Inos Pläne denkbar ungünstig wäre. Plötzlich übertönte eine Stimme alle anderen:

 

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„Phrixos ist nicht unschuldig! Die Götter fordern zu Recht, dass er bestraft wird!“

 

Eine Frau hatte diese Worte gerufen. Sie hieß Biadike und war durch ihre Ehe mit einem Bruder des Königs Phrixos’ Tante geworden. Nur wenige Menschen kannten ihre heimtückische Art. Biadike nutzte jetzt die Gelegenheit, um sich an dem unglücklichen Jüngling zu rächen, der vor einiger Zeit ihre Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte. Sie erzählte den Umstehenden, dass Phrixos versucht hätte, sie zu vergewaltigen, und dass dies der Grund wäre, weshalb ihm die Götter zürnten.

 

In Windeseile verbreiteten sich diese falschen Beschuldigungen in der Stadt. Vom Hunger an den Rand der Verzweiflung getrieben, wollten ihnen die Menschen zu gern Glauben schenken, und die Stimmung schlug um. So kam es, dass die Einwohner von Orchomenos, die dem Königssohn bisher nur das Beste gewünscht hatten, nun seine Bestrafung forderten. Sie hielten das für die einzige Möglichkeit, ihre Äcker wieder fruchtbar zu machen.

 

Athamas glaubte trotz allem nicht an die Schuld seines Sohnes. Das Volk aber konnte die Not nicht länger ertragen und erhob sich gegen ihn. Vor dem Palast entstand ein Menschenauflauf, und einige Männer waren nahe daran, das Königshaus zu stürmen und Phrixos mit Gewalt zum Opferplatz zu zerren. Als Athamas noch immer unentschlossen blieb, entschied Ino, dass es an der Zeit sei einzugreifen.

 

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„Du darfst nicht länger untätig bleiben“, riet sie ihrem Mann. „Was Biadike sagt, ist die reine Wahrheit. Was zweifelst du noch, ist dir der Zorn der Götter nicht Beweis genug? Das Volk hat Recht, wenn es Phrixos’ Bestrafung fordert. Du musst dir vor Augen halten, dass die Rettung von Orchomenos ganz allein in deiner Hand liegt!“

 

Athamas sah, dass ihm keine Wahl blieb. Woher sollte er auch wissen, dass der Orakelspruch falsch war, er ahnte ja nicht das Mindeste von der Bosheit seiner Frau und der Rachsucht seiner Schwägerin.

 

Es wurde also beschlossen, Phrixos zu opfern. Der Sohn des Athamas sollte sterben, weil man ihn für das Unheil verantwortlich machte, das über Orchomenos hereingebrochen war.

 

Phrixos blieb gefasst, als er erfuhr, welch grausames Schicksal ihm bestimmt war. Obwohl er zu Unrecht beschuldigt wurde, hätte er gern sein Leben hingegeben, um das Volk vor dem drohenden Hungertod zu retten. Der Jüngling war jedoch nicht dumm. Er begriff sehr wohl, was sich hinter diesem Opfer verbarg, und wusste somit auch, dass es vergebens sein würde. Auch die jüngere Helle spürte die Ungeheuerlichkeit dieses Beschlusses. Dennoch verlor sie nicht die Hoffnung.

 

„Unsere Mutter ist im Himmel zu Hause“, tröstete sie ihren Bruder. „Sie kann gewiss alles sehen, was auf Erden geschieht, und wird uns nicht unserem Schicksal überlassen.“

 

Am nächsten Tag kamen in aller Frühe die Wachen, um Phrixos zum Opferplatz zu führen. Sie wollten Helle nicht mitgehen lassen, doch es war unmöglich, das Mädchen von ihrem Bruder zu trennen. Der unglückliche Vater, der um Jahre gealtert schien, folgte den Geschwistern in einigem Abstand.

 

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Auf dem höchsten Gipfel des Laphystion angekommen, machte der Zug vor dem Altar des Zeus Halt, und die Wachen begannen sogleich, ein Feuer für die Opferzeremonie zu entfachen. Der Priester nahm Phrixos bei der Hand, er hatte das Messer unter seinem Umhang verborgen. Die Geschwister hofften noch immer auf ein Wunder. Verzweifelt suchten sie mit den Augen den Himmel ab, bis sie in der Ferne eine Wolke ausmachen konnten, die rasch näher kam. Als sie auf ihr einen kleinen schwarzen Punkt entdeckten, begannen ihre Herzen wie wild zu schlagen. Bald war deutlich die Gestalt einer Frau zu erkennen. „Unsere Mutter kommt!“, jubelte Helle und versuchte mit allen Kräften, ihren Bruder aus den Händen des Priesters zu befreien. Der heilige Mann wollte sie beiseite stoßen, da brach es aus dem Mädchen heraus: „Aber unsere Mutter kommt doch! Habt ihr etwas dagegen, dass sie ihre Kinder in die Arme schließt? Darf sie ihrem Sohn, der heute geopfert werden soll, nicht einmal Lebewohl sagen?“ Der Priester zögerte. Die Anwesenden starrten wie gebannt auf die Wolke, die inzwischen ganz herangekommen war. Nephele war zurückgekehrt, um ihren Kindern in der Stunde der Not zu helfen. Neben ihr stand ein Widder, dessen Fell golden in der Sonne leuchtete. Der Anblick stimmte alle versöhnlich, mit Ausnahme von Ino, die Nephele einen hasserfüllten Blick zuwarf. Auch der Priester konnte sich der Rührung nicht länger erwehren, er ließ Phrixos los, worauf die Geschwister zu ihrer Mutter stürzten, die sie mit Tränen in den Augen umarmte. Nephele fasste sich sofort wieder, sie wischte sich die Augen und flüsterte ihrem Sohn zu:

 

„Steige auf den Rücken dieses Widders. Er verfügt über Zauberkräfte und kann ohne Flügel fliegen. Du brauchst ihn nicht zu lenken, er wird dich ganz ohne dein Zutun in das ferne Kolchis tragen, wo Aietes regiert, der Sohn des Sonnengottes Helios. Bitte den König um seinen Schutz und schenke ihm, nachdem ihr den Widder Zeus geopfert habt, das goldene Fell des Tieres als Gegenleistung dafür. Ein kostbareres Geschenk kannst du ihm nicht machen.“

 

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Phrixos kletterte auf den Rücken des Tieres, das vollkommen ruhig blieb.

 

„Nimm mich auch mit!“, rief Helle plötzlich. „Wie könnte ich allein hier bleiben!“ Sie schwang sich hinter ihrem Bruder auf den Widder, der sich im gleichen Moment vor den Augen der erstaunten Menge in die Lüfte erhob.

 

„Gute Reise, Kinder“, rief Nephele. Der goldene Widder entfernte sich rasch mit seiner kostbaren Last.

 

„Gute Reise“, flüsterte der fassungslose Vater, dem die Freude über die unerwartete Rettung seines Sohnes im Gesicht geschrieben stand. Die auf dem Opferplatz versammelten Menschen winkten dem davonfliegenden Tier nach. Das Wunder, das in ihrer Gegenwart geschehen war, hatte sie umgestimmt, und sie empfanden jetzt nichts als Reue darüber, dass sie dem unschuldigen Jüngling den Tod gewünscht hatten. Der goldene Widder wurde zu einem leuchtenden Punkt am Horizont, den sie bald aus den Augen verloren.

 

Phrixos und Helle glitten ruhig durch die Luft. Nach all der Angst, die sie ausgestanden hatten, war ein tiefes, berauschendes Glücksgefühl über sie gekommen. Die Berge und Täler des Festlandes lagen hinter ihnen, und sie flogen nun über das weite Meer mit seinen unzähligen großen und kleinen Inseln. Wie glücklich wären sie gewesen, wenn sie auf diese Weise sicher an ihr Ziel gelangt wären, aber leider sollte es anders kommen. Als die Kinder über die Meerenge flogen, die die Ägäis vom Marmarameer trennt, zog plötzlich ein Unwetter auf. Dunkle, schwere Wolken ballten sich am Himmel, und es blitzte und donnerte ohne Unterlass. Im gleichen Augenblick begann ein fürchterlicher Sturm. Obwohl der Flug des Widders ungeheuer erschwert wurde, wich das Tier nicht von seinem Kurs ab. Die zu Tode erschrockene Helle blickte immer wieder auf die schäumenden Wellen hinab. Phrixos dagegen blieb gefasst, er versuchte, seiner Schwester Mut zu machen, und versicherte ihr, dass sie nichts zu befürchten hätte, wenn sie sich nur gut an ihm festhielte.

 

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Helle war aber nicht so stark. Der Aufruhr der Elemente überstieg ihre Kräfte, und Erschöpfung und Entsetzen wurden so groß, dass sie ihren Griff lockerte. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass sie im selben Augenblick, als die Wolkenwand am Horizont aufriss, vom schimmernden Rücken des Widders glitt und mit einem gellenden Schrei in die Tiefe stürzte. Dann war alles vorbei. Phrixos, der von einem Augenblick zum anderen seine Schwester verloren hatte, wusste vor Schmerz nicht aus noch ein und konnte doch nichts weiter tun, als die Reise allein fortzusetzen. Der Name des armen Mädchens blieb den Menschen für immer in Erinnerung, denn die Meerenge, in der Helle ihr Leben ließ, wurde später Hellespont genannt. Und es heißt, dass das Rauschen des Meeres, das in dieser Durchfahrt mal zu einem Dröhnen anschwillt, mal zu einem Murmeln absinkt, aber nie ganz aufhört, das Schlaflied für die Tochter der Nephele ist.

 

Phrixos aber gelangte sicher nach Kolchis, wo ihn der Widder am Palasttor absetzte, dem sprachlosen König gerade vor die Füße. Nachdem sich Aietes von seiner Überraschung erholt hatte, bat er den fremden Jüngling in den großen Saal. Mit dem goldenen Widder an seiner Seite folgte Phrixos dem König in den Palast. Dort erzählte er ihm die traurige Geschichte seiner Rettung.

 

Aietes hing wie gebannt an den Lippen seines Gastes. Ein Blick auf das Fell des herrlichen Tieres hatte genügt, um ihn zu der Überzeugung gelangen zu lassen, dass es das Schicksal gut mit ihm meinte. Er nahm Phrixos mit großer Freude auf und gab ihm seine Tochter Chalkiope zur Frau, die dem Sohn des Athamas vier Söhne schenkte. Wie ihm seine Mutter geraten hatte, opferte Phrixos den Widder Zeus, dem Retter all jener, die sich auf der Flucht befinden. Das Fell des Tieres, das später goldenes Vlies genannt wurde, schenkte er König Aietes. Dieser war überglücklich und hängte das kostbare Geschenk an einer tausendjährigen Eiche im Heiligtum des Ares auf, wo es Tag und Nacht von einem schrecklichen Drachen bewacht wurde.

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Das goldene Vlies war wertvoller, als es anfangs schien. Seit es sich im Besitz des Königs von Kolchis befand, geschahen unglaubliche Dinge im Land. Niemand musste mehr Not leiden, selbst in der ärmlichsten Hütte hielt der Wohlstand Einzug, und Aietes wurde zum reichsten Herrscher im Umkreis, sein Heer zum stärksten auf der ganzen Welt. Bald verbreitete sich überall die Kunde, dass diese Veränderungen auf die Zauberkraft des goldenen Vlieses zurückzuführen seien. So kam es, dass das Widderfell zum Symbol für Reichtum und Glück wurde und viele junge Männer davon träumten, es für sich zu gewinnen. Die Furcht vor dem König von Kolchis hielt sie allerdings davon ab, sich auf die Reise in sein fernes Land zu begeben. Als überdies noch bekannt wurde, dass das goldene Vlies von einem Feuer speienden Drachen bewacht wurde, der niemals schlief, gab man jeden Gedanken an das kostbare Fell auf.

 

Doch dann wuchs ein Mann heran, der sich durch nichts abschrecken ließ. Iason aus Iolkos, der Anführer der Argonauten, holte, allen Gefahren zum Trotz, das goldene Vlies nach Griechenland. Dass es ihm weder Reichtum noch Glück brachte, steht auf einem anderen Blatt geschrieben und zeigt, dass beides nur eine Hoffnung war, ein unerfüllbarer Traum. Oder aber der Mythos von der Fahrt der Argonauten will uns etwas anderes sagen. Das mag nun jeder Leser selbst entscheiden, nachdem er die ganze Geschichte gelesen hat.

 

Phrixus and Helle - the fall

 

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Excerpted from Die Argonauten by Menelaos Stephanides
Copyright © by Dimitris Stefanidis. All rights reserved.
No part of this excerpt may be reproduced or reprinted without permission in writing from the publisher.

 

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5. Die Argonauten

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