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the nemean lion

 

DER LÖWE VON NEMEA

 

In jenen Jahren lebte in den Wäldern von Nemea ein furchtbarer Löwe. Er hatte die Kraft von zehn gewöhnlichen Löwen, und sein Fell war gegen Pfeil und Speer, ja selbst gegen das schärfste Schwert gefeit. Das riesige Tier gehörte zu der schrecklichen Brut, die das Ungeheuer Typhon, gegen das Zeus einst gekämpft hatte, mit dem Schlangenweib Echidna gezeugt hatte. Seine Geschwister waren Kerberos, der dreiköpfige Höllenhund, Hydra, eine vielköpfige Wasserschlange, die zu Lerna lebte, Chimaira, eine Feuer speiende Ziege mit dem Haupt eines Löwen und dem Schwanz einer Schlange, die Sphinx mit einem geflügeltem Löwenkörper und einem Schlangenschwanz und andere grässliche Ungetüme, gegen die nicht einmal die Götter den Kampf wagten.

 

Diesen Löwen sah nun Eurystheus im Traum. Er fuhr laut schreiend aus dem Schlaf empor, sodass seine Diener herbeigeeilt kamen, um nachzusehen, was dem „großen“ König dieses Mal zugestoßen war. Sobald ihm aber klar wurde, dass es sich nur um einen Traum handelte, war Eurystheus wieder ganz vergnügt. Ein listiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Jetzt wusste er, wohin er Herakles schicken musste, damit er nie mehr zurückkehrte.

 

Mit der greinenden Stimme eines alten Weibes begann er, nach seinem Herold Kopreus zu rufen. Und als dieser nicht gleich kam, zeterte er immer lauter, bis der Mann endlich vor ihm stand. Er trug ihm auf, sofort zu Herakles hinunterzugehen und ihm auszurichten, dass der König befehle, er solle den Löwen von Nemea töten. Nun muss hier gesagt werden, dass der Name Kopreus vom griechischen Wort für „Mist“ abgeleitet ist. Besagter Herold lief also mit vor Stolz geschwellter Brust zu Herakles. Es war schließlich keine Kleinigkeit, einem so starken Mann Befehle zu erteilen!

 

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Zu jenem Zeitpunkt wusste Herakles nicht, um was für einen Löwen es sich handelte. Deshalb beeindruckten ihn die Worte des Herolds nicht sonderlich, war er sich doch sicher, dass er das Tier töten konnte. Er schulterte die Keule, mit der er einst den Löwen an den Hängen des Kithairon erschlagen hatte, hängte sich den Bogen und den Köcher mit den Pfeilen um und machte sich auf den Weg in die Berge von Nemea.

 

In der Nähe des Dorfes Kleonai stieß er auf die Hütte eines Tagelöhners mit Namen Molorchos. Der arme Mann war gerade dabei, die Vorbereitungen für ein Opfer zu treffen. Herakles grüßte ihn und fragte ihn, für welchen Gott das Opfertier bestimmt sei.

„Für Zeus, den Retter“, entgegnete Molorchos. „Ich will ihm danken, dass der Löwe von Nemea bisher nicht in die Nähe meiner Hütte gekommen ist.“

 

„Warte noch mit dem Opfer“, hielt ihn Herakles zurück. „Eurystheus hat mir befohlen, den Löwen von Nemea zu töten. Ich habe schon einmal einen Löwen erschlagen und fürchte mich deshalb nicht. Falls mir aber doch etwas passieren sollte und ich in dreißig Tagen nicht zurück bin, dann schlachte bitte das Opfertier für Zeus und für die Seele von Herakles, dem Sohn der Alkmene. Komme ich dagegen rechtzeitig, so können wir Zeus, dem Retter, gemeinsam opfern.“

 

„Herakles, Sohn der Alkmene“, rief der arme Tagelöhner, „es ist ein Jammer, dass du dein Leben so leichtfertig wegwerfen willst! Du wirst vermutlich nicht wissen, was das für ein Löwe ist, gegen den man dich ausgesandt hat. Würde es sich um eine gewöhnliche Raubkatze handeln, so gäbe es vielleicht eine Hoffnung. Doch dieses Tier ist ein Ungeheuer! Es stammt von Typhon und Echidna ab und ist unbesiegbar. Selbst wenn du alle Götter an deiner Seite hättest, würdest du nicht lebend zurückkehren. Viele Jahre leben wir in ständiger Angst. Unsere Herden werden immer kleiner, die ganze Gegend verödet, und keiner von denen, die bisher den Mut hatten, dem Untier aufzulauern, ist jemals zurückgekehrt.“

 

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Nun wusste Herakles, weshalb ihm Eurystheus diese Aufgabe gestellt hatte. Es gab für ihn jedoch kein Zurück mehr.

 

„Ich muss diesen Löwen finden“, entgegnete er beherzt. „Entweder gelingt es mir, ihn zu töten, oder ich verliere dabei mein Leben. Lebe wohl, und wenn ich nicht wiederkommen sollte, dann mach alles so, wie ich dir gesagt habe.“ Mit diesen Worten ließ er den Tagelöhner stehen und bog in den Pfad ein, der in die Berge führte.

 

Molorchos bewunderte die kühne Entschlossenheit des Heros, er bedauerte es allerdings, dass er ihn nicht zurückhalten konnte.

 

Unterwegs sah sich Herakles aufmerksam um, bis er endlich gefunden hatte, was er suchte. Er entwurzelte einen wilden Olivenbaum, dessen mächtiger Stamm hart wie Eisen war, und fertigte sich daraus eine neue Keule an, die um ein Vielfaches schwerer, härter und größer wurde als seine alte. Dann lud er sich die mächtige Waffe auf die Schulter und setzte seinen Weg fort. Mit einem Mal kam ihm der Gedanke, dass er vermutlich viele Tage und Nächte auf der Lauer liegen würde und deshalb vorher genügend Kräfte sammeln musste. Er suchte sich also einen ruhigen Platz, wo er sich niederließ und sofort in einen tiefen Schlaf fiel. Es heißt, dass dieser Schlaf zehn Tage anhielt und dass Herakles durch ihn große Kraft und Ausdauer gewann. Als er erwachte, wusch er sich an einer Quelle und zog dann ausgeruht und guter Dinge weiter. Nachdem er viele Tage durch die von Menschen und Tieren verlassene Gegend geirrt war, stieß er irgendwann auf die Spuren des Löwen. Seine riesigen Tatzen hatten sich tief in den Erdboden eingedrückt und vermittelten Herakles eine Vorstellung davon, wie groß und schwer er sein musste. Es stellte sich heraus, dass es nicht so einfach war, der Fährte zu folgen. Ältere Abdrücke überkreuzten sich mit frischen Spuren, und der Heros wusste oft nicht, in welche Richtung er gehen sollte. Tagelang streifte er aufs Geratewohl durch die Berge, stieg in Schluchten hinab und verlor sich in dichten Wäldern, bis das riesige Tier unversehens vor ihm stand, als er hinter einem Felsen hervortrat.

 

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Mit seiner zottigen Mähne und wild funkelnden Augen war es fürchterlich anzusehen. Herakles suchte hinter einem Busch Deckung, denn der Löwe hatte ihn noch nicht bemerkt. Er nahm einen Pfeil aus dem Köcher, zielte auf den Kopf des Tieres und traf es genau zwischen die Augen. Das Ungeheuer schüttelte nur ein wenig den Kopf und kratzte sich mit der Tatze, so als ob es eine Fliege abschütteln wollte. Ein zweiter Pfeil, der noch heftiger von der Sehne schnellte, prallte vom Hals des Löwen ab, als wäre er auf Stein gestoßen. Das Raubtier zeigte keinerlei Reaktion, es ging langsam und gleichmütig weiter und verschwand hinter einem Felsen. Der Heros lief ihm nach, doch als er die Stelle erreichte, wo er es zum letzten Mal gesehen hatte, war es plötzlich verschwunden. Verwundert schaute sich Herakles um. Nach einigem Suchen entdeckte er den Eingang zu einer Höhle, die, den Spuren nach zu urteilen, der Unterschlupf des Löwen sein musste. Herakles beschloss, sich auf die Lauer zu legen, und versteckte sich zu diesem Zweck hinter einem Felsen. Viele Stunden saß er dort vergeblich, bis schließlich die Nacht hereinbrach. „Morgen früh muss er herauskommen“, dachte der Heros und blieb auf seinem Posten. Am nächsten Tag wartete er schon vom ersten Morgengrauen an ungeduldig darauf, dass das Tier erschien, damit er es mit seiner Keule erschlagen konnte. Die Sonne stieg jedoch höher und höher, ohne dass etwas geschah. Mit einem Mal war ein fürchterliches Gebrüll zu hören, lauter noch als der Donner des Zeus, das noch lange in den Bergschluchten widerhallte, bis es endlich verebbte. Herakles wandte sich in die Richtung, aus der es gekommen war, und ließ seine Blicke über das Gebirge wandern, bis er den Löwen endlich als einen winzigen Punkt am gegenüberliegenden Berghang ausmachen konnte.

 

„Wie ist er aus der Höhle gekommen, ohne dass ich ihn gesehen habe?“ Herakles konnte es nicht fassen. „Die Nacht war freilich finster, doch ich hätte ihn zumindest hören müssen. Vielleicht bin ich eingeschlafen, ohne dass ich es gemerkt habe. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten, bis er zurückkommt, denn der Weg bis zu jener Stelle dort drüben ist weit und beschwerlich, und wenn ich sie erreicht habe, ist er längst fort.“

 

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Drei Tage und drei Nächte bewachte Herakles den Eingang der Höhle, doch der Löwe ließ sich nicht blicken. In seiner Verzweiflung war der Heros nahe daran, sich wieder auf die Suche zu machen, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Er drehte sich um und sah, wie der Löwe die Höhle verließ.

 

„Irgend etwas stimmt hier nicht“, dachte Herakles. „Ich warte, dass er zurückkommt, und dabei ist er längst wieder da.“ Es gab keine andere Erklärung dafür, als dass es noch einen zweiten Eingang gab.

 

Während der Heros diese Überlegungen anstellte, krümmte sich der Löwe, der ihn nicht bemerkt hatte, und schnellte mit einem gewaltigen Satz nach vorn. Er glich dabei einer Gerte, die wegspringt, wenn sie mit beiden Händen zusammengedrückt und schließlich, gegen ein Hindernis gelehnt, losgelassen wird. Nach wenigen Sprüngen dieser Art hatte ihn Herakles aus den Augen verloren, doch dieses Mal machte ihm das nichts aus. Er ging auf die Suche nach dem zweiten Höhleneingang, und sobald er ihn gefunden hatte, versperrte er die Öffnung mit großen, schweren Felsbrocken. Dann kehrte er beruhigt zum ersten Eingang zurück.

 

Es dämmerte schon, als ein ohrenbetäubendes Gebrüll die Stille zerriss. Es kam von der Stelle, wo sich der zweite Eingang befand, den der Löwe bei seiner Rückkehr verschlossen gefunden hatte. Er machte nun seinem Ärger Luft und erschien kurze Zeit später am ersten Eingang. Inzwischen war es allerdings Nacht geworden, und Herakles hielt es nicht für ratsam, das Raubtier im Dunkeln anzugreifen. So ließ er es unbehelligt in der Felsöffnung verschwinden und ging zu seinem Versteck zurück, um dort den Morgen abzuwarten.

 

Sobald es tagte, schlich sich der Heros zum Eingang der Höhle, um zu prüfen, ob er den Löwen in seinem Bau töten konnte. Schon nach wenigen Schritten sah er, dass dies unmöglich sein würde. Die Decke war so niedrig, dass er die Keule nicht hoch genug heben konnte, um mit aller Kraft zuzuschlagen.

 

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Dennoch ging er weiter und horchte in die Höhle hinein. Bald war ein grässliches Gebrüll zu hören. Scharrende Geräusche ließen darauf schließen, dass der Löwe versuchte, den zweiten Eingang freizumachen. Herakles stürzte ins Freie hinaus und lief zu der Stelle, an der der Löwe von innen arbeitete. Als ihm kurze Zeit später ein riesiger Felsbrocken entgegenfiel, war er schon darauf vorbereitet. Er zündete trockene Zweige an und warf sie in die entstandene Öffnung. Der Wind blies den Rauch in die Höhle, und Herakles lief wieder zum ersten Eingang zurück, um sich dort auf die Lauer zu legen. Es bestand kein Zweifel, dass der Löwe bald herauskommen würde.

 

Tatsächlich brauchte der Heros nicht lange zu warten, bis das Ungeheuer am Höhleneingang erschien. Eine gewisse Erschöpfung war ihm anzusehen, dennoch hatte es nichts von seiner Bedrohlichkeit eingebüßt. Die vom Rauch geröteten Augen blickten suchend nach allen Seiten, denn das Tier spürte, dass in der Nähe ein Feind lauerte. Es entblößte die Zähne und stieß ein fürchterliches Gebrüll aus. Sein Schwanz peitschte erregt die Flanken, dann stampfte es heftig auf, dass der Boden unter seinem Gewicht und seiner Kraft erzitterte. Wie entsetzlich der Anblick auch sein mochte, Herakles ließ sich nicht beirren. Mit erhobener Keule stürzte er aus seinem Versteck, und bevor der Löwe auch nur die geringste Bewegung machen konnte, versetzte er ihm einen gewaltigen Schlag auf den Kopf. Der Schädel des Ungeheuers blieb unversehrt, während die steinharte Keule in zwei Teile zerbrach, so groß waren die aufeinander wirkenden Kräfte. Immerhin war die Attacke nicht umsonst gewesen. Der Keulenschlag hatte den bislang unbesiegten Löwen von Nemea betäubt, er schwankte und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Der Heros warf die zerbrochene Keule fort und sprang auf den Rücken des Tieres, dessen Hals er von hinten umklammerte. In dieser Position konnte ihn der Löwe weder beißen noch mit seinen Krallen erreichen.

 

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Damit war das Schicksal des furchtbaren Ungeheuers besiegelt. Vergeblich versuchte es, den Feind abzuschütteln. Mit eisernem Griff drückte Herakles dem Löwen den Hals zu, bis dieser schließlich erstickte und seine schwarze Seele in die finsteren Tiefen der Unterwelt entwich.

 

Herakles ließ das Tier los und richtete sich langsam auf. Schweißüberströmt und zu Tode erschöpft, fühlte er nichts weiter als große Freude. Er hatte den Löwen von Nemea getötet und damit die erste Arbeit vollbracht. Jetzt musste er ihn nur noch nach Mykene bringen, um ihn Eurystheus vor die Füße zu werfen. Der Heros versuchte, das Tier auf die Schultern zu nehmen, doch es war schwer und der Weg nach Mykene weit und voller Hindernisse. Ratlos ließ er von seinem Vorhaben ab, als ihm plötzlich der Gedanke kam, dem Löwen das Fell abzuziehen und Eurystheus dieses zu bringen. Wie aber konnte er das bewerkstelligen, wo doch die Haut des Tieres nicht einmal mit dem schärfsten Schwert zu durchtrennen war? Mit einer Kralle des Löwen, die er von dessen Tatze löste, gelang es Herakles schließlich ohne jede Mühe. Er hängte sich das Löwenfell über die Schultern und machte sich auf den Weg nach Mykene.

 

Zur gleichen Zeit ging in Kleonai ein Mann tief gebeugt unter der Last eines Holzbündels. An seiner Hütte angekommen, warf er den Packen auf die Erde und stöhnte laut auf. Es war niemand anders als Molorchos, der am nächsten Morgen das Totenopfer für Herakles vollziehen musste, weil seit seinem Treffen mit dem Heros ein Monat vergangen war, ohne dass dieser zurückgekehrt wäre. Als Molorchos die Hütte betrat, dämmerte es schon. Er entfachte ein Feuer, nicht so sehr des Lichtes wegen, das durch die offene Tür noch zur Genüge hereinfiel, sondern, um sich eine Suppe zu kochen. Wie das Essen dann fertig war und er gerade den Kessel vom Herd nehmen wollte, tauchte mit einem Mal eine riesige Gestalt im Türrahmen auf. In ein Tierfell gehüllt, war sie fürchterlich anzusehen. Molorchos erschrak, doch als ihn der Fremde mit freundlicher Stimme begrüßte, wich jede Furcht von ihm, und er lud ihn ein, sein bescheidenes Mahl mit ihm zu teilen.

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„Weißt du schon das Neueste?“, fragte der Fremde, nachdem er sich gesetzt hatte. „Der Löwe von Nemea ist tot. Seine Seele verrottet jetzt im finsteren Hades, und wir können endlich unsere Herden unbesorgt auf der Weide lassen.“

 

Anstatt in Begeisterung auszubrechen, seufzte Molorchos nur.

 

„Freust du dich gar nicht?“ Der Fremde war zutiefst verwundert.

 

„Nein, ich freue mich nicht, denn ich weiß nicht, ob du die Wahrheit sprichst“, entgegnete Molorchos. „Eins ist jedoch gewiss, Herakles lebt nicht mehr. Morgen früh will ich ihm das Totenopfer spenden, draußen liegt schon das Holz bereit.“

 

„Lass uns morgen gemeinsam das Opfertier schlachten“, war die Antwort. „Für Zeus, den Retter, wollen wir es tun. Nimm eine Fackel, guter Mann, und schau mich an.“

 

Langsam begann Molorchos zu ahnen, wen er vor sich hatte. Er nahm ein brennendes Holzscheit aus dem Feuer und beleuchtete damit das Gesicht des Fremden. Es war tatsächlich Herakles, der da im Löwenfell vor ihm saß. Dem armen Mann kamen die Tränen, vor Freude konnte er kein Wort hervorbringen. Als er sich ein wenig gefasst hatte, umarmte und küsste er den Heros und stellte die Suppenschüssel vor ihn hin.

 

„Ich habe bereits gegessen, ich bin nicht hungrig“, versicherte er.

 

Herakles durchschaute ihn sofort und bat um ein zweites Gefäß. Als es der gutherzige Molorchos gebracht hatte, schüttete der Heros die Hälfte der Suppe hinein und schob die Schüssel seinem Gastgeber hin. An diesem Abend brannte das Feuer in der ärmlichen Hütte noch bis weit in die Nacht hinein. Mit angehaltenem Atem hörte Molorchos Herakles von seinem unglaublichen Abenteuer berichten.

 

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Am nächsten Morgen standen beide Männer in aller Frühe auf. Sie vollzogen das Opfer, dann verabschiedete sich Herakles und zog nach Mykene weiter.

 

Einige Zeit später erschien der Heros am Tor des Palastes, von Kopf bis Fuß in das Fell des Löwen von Nemea gehüllt. Als ihn Eurystheus so erblickte, gefror dem König das Blut in den Adern. Seine Furcht war jetzt noch tausendmal größer als beim letzten Mal. Verstört lief er in sein Gemach, um den Anblick dieses „Wilden“ nicht länger ertragen zu müssen, doch kaum hatte er sich leidlich beruhigt, erwartete ihn schon der nächste Schrecken. Die Tür ging auf, und herein kamen zwei Wachen mit dem Fell des Löwen von Nemea, das sie weit ausgebreitet vor sich her trugen.

 

„Herakles hat uns aufgetragen, dir das hier zu geben, o mächtiger König“, verkündeten sie.

 

Bevor sie ihren Satz beenden konnten, sank Eurystheus ohnmächtig zu Boden, und als er wieder zu sich kam, war er in einer so jämmerlichen Verfassung, dass er nur noch schlafen wollte. Im Traum erschien ihm Hera und sagte ihm, wohin er Alkmenes Sohn dieses Mal schicken müsste, damit er nie mehr zurückkehrte.

 

Als Eurystheus erwachte, ließ er seinen Herold rufen und trug ihm auf, Herakles den Befehl zu überbringen, dass er die Hydra von Lerna töten solle.

 

Kopreus wandte sich zum Gehen, da rief ihm der König noch hinterher:

 

„Nimm die verfluchte Löwenhaut mit und gib sie diesem Kerl zurück!“ Insgeheim dachte er sich, dass er das Fell so gleich mit aus der Welt schaffen könnte, denn Herakles mochte zwar den Löwen von Nemea getötet haben, doch dieses Mal würde er wohl schwerlich mit dem Leben davonkommen.

 

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Textauszug aus dem Buch Herakles von Menelaos Stefanides
Copyright © Dimitris M. Stefanides. Ein vollständiger oder teilweiser Nachdruck dieses Textauszuges ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages nicht erlaubt.

 

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