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DIE OPFERUNG DER IPHIGENIE

 

Endlich war alles für den Kriegszug bereit und das Heer erneut in Aulis versammelt. Eine anhaltende Flaute machte jedoch die Abfahrt der Flotte unmöglich. Kein Lüftchen wehte. Alle warteten, dass Wind aufkam, doch nichts geschah.

 

„Wie lange wird das noch dauern?“, begannen die Männer zu fragen.

 

„Es ist offensichtlich, dass die Götter gegen uns sind“, murmelten manche. „Wir müssen nach Hause fahren!“

 

Auch die Heerführer waren beunruhigt und beschlossen, Kalchas, den berühmten Seher des Heeres, zu fragen. Dessen Antwort lautete:

 

„Die Göttin Artemis zürnt dem Oberbefehlshaber. Viele Jahre schon hegt sie einen geheimen Groll gegen ihn, denn Agamemnon bittet sie zwar um ihre Hilfe, wenn er sie braucht, aber wenn es Zeit ist, ein Opfer zu bringen, vergisst er die Göttin. Vor kurzem hat er sie sogar beleidigt. Er schoss eine Hirschkuh auf eine weite Entfernung und prahlte, dass es nicht einmal Artemis besser gekonnt hätte. Und ärger noch, hier in den Wäldern von Aulis tötete er eine Wildziege, ein heiliges Tier, das die Göttin besonders liebte. Jetzt kennt der Zorn der Göttin keine Grenzen, und sie will Agamemnon eine noch weiter zurückliegende Verpflichtung ins Gedächtnis rufen, der er nie nachgekommen ist. Er hatte ihr einst versprochen, dass er ihr die schönste Kreatur opfern werde, die zu jener Zeit in seinem Königreich geboren wurde. Der Zufall hatte es so gewollt, dass in jenem Jahr das schönste Wesen, das geboren wurde, seine Tochter Iphigenie war. Er vergaß jedoch sein Versprechen und kränkte Artemis damit sehr. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo Agamemnon für alles bezahlen muss. Die Göttin ist außer sich und nur zu beschwichtigen, wenn er ihr seine Tochter Iphigenie opfert. Nur dann wird Wind aufkommen, nur dann können sich die Segel blähen und die Schiffe nach Troja fahren.“

Agamemnon verschlug es die Sprache, als er all das hörte. Sicher, es hatte keinen Sinn, sich mit Kalchas anzulegen. Aber seine Lieblingstochter zu opfern, das war schrecklich. Nein, er würde es niemals zulassen. Er ließ sich aber nichts anmerken, sondern sagte:

 

„Es ist ganz ausgeschlossen, dass Klytaimnestra ein solches Opfer billigt.“

 

„Niemand will, dass deiner Tochter etwas Böses widerfährt“, erwiderte Menelaos. „Wie sollen wir aber jemals nach Troja segeln, wenn wir vorher nicht die Göttin besänftigen?“

 

‘Besser, wir fahren niemals ab, als dass ich Iphigenie opfere’, flüsterte Agamemnon leise. Laut sagte er jedoch:

 

„Ich weiß es nicht. Eins ist aber sicher. Ihre Mutter wird niemals einwilligen.“

 

„Wir haben es hier mit der Forderung einer Göttin zu tun, da sollen wir ihre Mutter fragen? Es geht nur darum, dass du einen Entschluss fasst.“

 

„Fällt es mir auch noch so schwer, letzten Endes muss ich mich wohl unterordnen. Ich bin der Befehlshaber der Truppen und kann nicht anders handeln. Wenn Klytaimnestra einverstanden ist, dann habe auch ich nichts dagegen.“

 

„Gib es doch zu. Du willst der Göttin nicht gehorchen“, sagte einer der Heerführer.

 

„Wir sollten unseren Treueeid einem anderen Fürsten übertragen“, warf der nächste ein.

 

„Machen wir doch Palamedes zum Oberbefehlshaber“, rief ein dritter.

 

Odysseus fuhr in die Höhe.

 

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„Wenn ihr Palamedes wollt, dann auf Wiedersehen. Ich packe meine Sachen und reise ab.“ Und er machte Anstalten fortzugehen.

 

„Odysseus, warte. Ich bin auch nicht damit einverstanden, dass wir jemand anders wählen“, sagte Menelaos. „Aber Agamemnon muss sich jetzt entscheiden.“

 

Dieser schwieg jedoch.

 

„Hör zu, Agamemnon“, sagte da Odysseus zu ihm. „Ich wollte Menelaos anfangs nicht beistehen. Aber von dem Augenblick an, wo ich ihm mein Wort gab, gab es für mich kein Zurück mehr. Ich kann dich verstehen. Es ist schwer für dich, Iphigenie zu sagen, sie soll kommen, weil wir sie Artemis opfern müssen, das sehe ich ein. Selbst wenn es der Wille der Göttin ist. Es gibt aber noch einen anderen Weg. Schreib eine Nachricht an Klytaimnestra, dass sie Iphigenie hierher schicken soll, weil du sie Achill zur Frau geben willst. Als Grund dafür kannst du anführen, dass das Heer Achill belohnen will, der uns in Mysien von dem Zorn des Telephos rettete. Iphigenie soll aber allein kommen, ohne andere Frauen, das heißt, ohne ihre Mutter, denn es ist nicht richtig, dass sich die Frau des Oberbefehlshabers im Heer aufhält. Und schreib ihr, dass Iphigenie sofort aufbrechen soll. Weil die Hochzeit noch vor unserer Abfahrt stattfinden soll.“

 

Agamemnon schwieg abermals.

 

Da ritzte Menelaos die Botschaft in eine Schreibtafel.

 

„Unterschreib“, sagte er zu Agamemnon. „Es gibt schon Unruhen im Heer. Iphigenie muss kommen.“

 

„Und wenn Achill nicht will, dass sein Name in die Sache hineingezogen wird? Müssen wir ihn nicht erst fragen?“, versuchte sich Agamemnon herauszuwinden.

 

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„Und was wird, wenn Achill nein sagt?“, fragte Odysseus. „Unter welchem Vorwand können wir Iphigenie dann holen? Wie du siehst, gibt es keine andere Lösung. Du musst unterschreiben.“

 

„Du musst unterschreiben“, wiederholten alle.

 

Da ritzte Agamemnon mit zitternder Hand seinen Namen in die Tafel. Die Botschaft wurde abgeschickt, und der Heerkönig zog sich in sein Zelt zurück. Er ließ sich auf sein Lager fallen und weinte bittere Tränen. Mit einem Mal fuhr er hoch.

 

„Was habe ich getan? Nein, ich werde es nicht zulassen.“ Er nahm eine Tafel und schrieb Klytaimnestra folgende Worte:

 

„Behalte Iphigenie bei dir. Es wird keine Hochzeit geben.“

 

Dann rief er einen seiner Getreuen herbei und trug ihm auf:

 

„Nimm meinen Wagen und meine Pferde und fahre nach Mykene, so schnell es geht. Diese Botschaft sollst du meiner Frau persönlich übergeben. Sei aber vorsichtig und lass niemanden erfahren, dass ich dich geschickt habe.“

 

Menelaos ahnte indessen, dass sein Bruder seine Meinung ändern würde, und hielt deshalb die Augen offen. Als er sah, dass sich Agamemnons Wagenlenker zur Abfahrt fertig machte, fuhr er als Erster los und wartete in einer Wegbiegung auf ihn. Er sah den Wagen herankommen und stellte sich ihm in den Weg.

 

„Halt an!“, rief er.

 

Dem Fahrer blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen.

 

„Gib mir die Botschaft!“, befahl Menelaos.

 

„Ich habe keine Botschaft“, erwiderte der Bote ängstlich.

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„Und was ist das?“, fragte Menelaos und zog ihm die Tafel, die der Diener unter den Arm geklemmt hatte, aus dem Gewand hervor. „Und jetzt verschwinde. Fahr aber nicht sofort zurück, sondern halte dich noch irgendwo auf. Wenn du dann ins Lager kommst, kannst du ihnen erzählen, was du willst, meinetwegen auch, dass ich dir die Botschaft weggenommen habe, das ist mir egal.“

 

Menelaos ließ zwei Tage vergehen und ging dann selbst zu Agamemnon.

 

„Glaub mir, es schmerzt mich genauso wie dich“, sagte er zu ihm, „aber ich konnte nicht anders handeln. Nimm diese Tafel zurück und lass uns jetzt darüber reden, wie wir Iphigenie auf das, was ihr bevorsteht, vorbereiten können.“

 

„Wie kannst du es wagen, mir nachzuspionieren und meinen Boten aufzuhalten!“, rief Agamemnon voller Zorn.

 

Da konnte Menelaos nicht mehr an sich halten.

 

„Wie konntest du es wagen, eine zweite Botschaft abzuschicken, nachdem du die erste unterschrieben hast? Du willst den Feldzug rückgängig machen! Wir haben uns für Krieg entschieden, Agamemnon, und einen Krieg ohne Opfer gibt es nicht! Nicht nur Iphigenie, nein, Tausende werden für unsere Ehre, für die Ehre aller Achaier ihr Leben lassen müssen. Jetzt, wo das Los auf deine Tochter gefallen ist, machst du einen Rückzieher, du, der Oberbefehlshaber! Wenn es so ist, dann bist du nicht mehr mein Bruder! Ich erkenne dich nicht mehr als obersten Heerkönig an. Löse die Truppen auf, wenn es das ist, was du willst, du wirst dich damit zum Gespött aller Fürsten machen. Sie werden es nicht auf sich beruhen lassen, dass man sie so blamiert. Niemand wird es einfach hinnehmen, dass ein Kriegszug verhindert wird, der Ruhm und Beute verspricht und die Möglichkeit bietet, den Entführern, wer immer sie auch sein mögen, einen Denkzettel zu erteilen!“

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Agamemnons Widerstand brach zusammen. Unter Tränen umarmte er seinen Bruder. „Es ist furchtbar“, sagte er, „Iphigenie war schon immer meine große Schwäche.“

 

Kurze Zeit darauf kam seine nichts ahnende Tochter zusammen mit ihrer Mutter und zwei Freundinnen aus Mykene an. Agamemnon war überrascht. „Wir hatten doch gesagt, sie soll allein kommen“, flüsterte er. „Jetzt wird alles noch schwerer.“

 

Iphigenie lief zu ihrem Vater und fiel ihm um den Hals.

 

„Meine unglückliche Tochter!“, entfuhr es Agamemnon, und zwei Tränen liefen über sein Gesicht.

 

„Aber Vater, ich komme doch, um zu heiraten, und ich bin sehr froh darüber.“ Und ihre Mutter fügte hinzu:

 

„So begrüßt du uns! Ist irgendetwas nicht in Ordnung? Du zitterst ja am ganzen Leib.“

 

„Nein, nein. Es ist nur die Freude. Ich bin sehr gerührt. Wenn ich daran denke, kommt mir das Grauen.“

 

„Wieso redest du so verworren Vater?“

 

„Ist es denn möglich, dass einem vor Rührung und Freude das Grauen kommt?“, fragte nun auch Klytaimnestra. „Du bist ja völlig durcheinander.“

 

„Vor Freude. So eine Hochzeit! Große Göttin der mondhellen Nächte, hab Mitleid mit mir!“

 

„Mutter, er phantasiert. Irgendetwas stimmt hier nicht.“

 

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„Mal sagst du, du freust dich, Mann, und im nächsten Moment sprichst du von Grauen. Du tust ja gerade so, als ob unsere Tochter Hades heiraten sollte.“

 

„Nein, Achill wird sie zum Manne nehmen, und ich bin sehr froh darüber. Aber Hades ist auch ein großer König, der König der Unterwelt.“

 

„Mutter, Vater macht mir Angst.“

 

„Hab keine Angst, mein Kind, es ist nur das Glück. Nun sag mir bloß, Agamemnon, was hat die Unterwelt mit unserer Freude zu tun?“

 

„Ich weiß nicht. Frag nicht weiter. Und überhaupt, weshalb bist du hier, ich schrieb dir doch, du solltest nicht mitkommen?“

 

„Am glücklichsten Tag ihres Lebens soll ich nicht bei unserer Tochter sein?“

 

„So darfst du es nicht sehen. Wie dem auch sei, du wolltest sie herbringen, und ich bin dir deshalb nicht böse. Aber wir sind hier in einem Feldlager, du kannst nicht länger bleiben. Außerdem bin ich ja da. Es wird alles so geschehen, wie es nötig ist und wie es die Götter wollen.“

 

„Schick Mutter nicht weg, Vater. Ich will, dass sie bei mir ist, ich habe Angst.“

 

„Ich bleibe hier, Tochter. Ich werde bei dir sein in Freude und, wenn es der Wille der Götter ist, auch in Leid.“

 

„Wenn es nicht anders geht, dann bleib“, sagte Agamemnon. „Eine Hochzeit ist ein Anlass zu großer Freude.“ Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und zog sich in sein Zelt zurück, damit niemand den Oberbefehlshaber weinen sah. Iphigenie und ihre Mutter aber hatten seine Tränen bemerkt, sie sanken einander in die Arme und schluchzten.

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So blieben sie eine Weile bekümmert stehen, bis sie hinter sich Schritte hörten. Als sie sich umdrehten, erblickten sie einen jungen Krieger, der schön wie ein Gott war. Er trug eine glänzende Rüstung.

 

„Verzeiht“, sagte er, „ich habe euch nicht gesehen.“ Und wollte weitergehen.

 

„Einen Moment“, rief da Klytaimnestra. „Bist du vielleicht...“

 

„Nein, ich bin Achill“, antwortete der Jüngling etwas verwirrt. „Peleus ist mein Vater und Thetis meine Mutter.“

 

„Und ich bin Klytaimnestra, Agamemnons Frau. Und das ist Iphigenie... Ja, Iphigenie.“

 

„Es war mir eine Ehre, euch kennen zu lernen, ich danke euch. Jetzt habe ich aber beim Heer zu tun und kann mich nicht länger aufhalten.“

 

„Warte noch einen Augenblick. Ich möchte den Mann kennen lernen, den meine Tochter heiraten soll, ist das so schlimm?“

 

„Es freut mich sehr, dass der Oberbefehlshaber seine Tochter verheiraten will. Und sicher ist auch nichts Schlechtes dabei, wenn ihr den Bräutigam vor der Hochzeit kennen lernen wollt. Nur tut es mir Leid, dass ich euch nicht helfen kann. Ich habe nichts gehört und weiß nicht, wer der Glückliche ist.“

 

Diese Worte genügten. Iphigenie barg ihr Gesicht an der Schulter ihrer Mutter und weinte. Klytaimnestra war noch betroffener.

 

„Es war also gelogen, was sie uns schrieben. Iphigenie ist nicht hier, um zu heiraten, um dich zu heiraten! Sie haben nichts Gutes mit ihr vor! Warum aber haben sie sie kommen lassen? Was verheimlichen sie vor uns?“

 

Achill war bestürzt, als er Klytaimnestras Worte hörte.

 

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„Es tut mir Leid. Ich verstehe überhaupt nichts.“

 

Iphigenie konnte es nicht mehr ertragen. Sie lief zu ihren Freundinnen, wo sie ihren Tränen freien Lauf lassen konnte.

 

Klytaimnestra blickte Achill mitfühlend an. Ohne sein Wissen war er in eine Intrige verstrickt worden, deren Opfer ihre Tochter war. Was für eine Intrige konnte das aber sein? Gerade sann sie darüber nach, wie es möglich wäre, etwas zu erfahren, da sah sie einen ihrer treuen Diener, der jetzt zum Heer des Agamemnon gehörte. Sie rief ihn heran.

 

„Sag mir, was du weißt“, forderte sie ihn auf.

 

„Ich bin nur ein Diener. Euer Diener freilich auch, aber mein Herr ist Agamemnon. Ohne seine Erlaubnis darf ich nicht sprechen.“

 

„Das heißt, du weißt, was vor sich geht?“

 

„Ich weiß so manches. Alles weiß ich, doch mir fehlt der Mut zu sprechen.“

 

„Wenn du mit deinen Worten Böses verursachst, dann schweig besser. Ist dies aber nicht der Fall, so sprich geradeheraus und ohne Angst.“

 

„Ihr habt Recht. Schlimmeres als das, was geschehen soll, kann ich auch nicht mehr anrichten. Außerdem werdet Ihr es früher oder später sowieso erfahren, Ihr, Achill und die unglückliche Tochter. Hört uns aber vielleicht jemand, vielleicht Iphigenie?“

 

„Sprich freiheraus und fürchte dich nicht.“

 

Der Diener begann, ihnen alles zu erzählen. Er wusste deshalb so genau Bescheid, weil er es gewesen war, der jene zweite Botschaft, die Menelaos an sich genommen hatte, nach Mykene bringen sollte.

 

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„Oh, wehe mir!“, rief Klytaimnestra, als der Diener geendet hatte. „Jetzt begreife ich, warum er so wirr geredet hat. Ein furchtbares Verbrechen wurde hier beschlossen. Ich soll meine teure Tochter verlieren!“

 

„Nein“, fuhr Achill auf, „das werde ich nicht zulassen! Ein übles Spiel wurde hinter meinem Rücken gespielt, und sie haben meinen Namen benutzt, um eine Unschuldige zu opfern. Ich werde mich ihnen in den Weg stellen. Selbst wenn der Feldzug nicht stattfindet und die Entführer ungestraft bleiben, dieses Opfer werde ich niemals dulden!“

 

Da hörten sie plötzlich die Stimme Iphigenies hinter sich.

 

„Mutter, ich fürchtete das Schlimmste und kam zu dir. Da habe ich ungewollt alles mit angehört. Fürchte dich nicht. Mein Vater will dieses Opfer nicht, und er wird einen Weg finden, um mich zu retten.“

 

„Ach, Tochter, in was für einen Alptraum sind wir da geraten! Wir müssen deines Vaters Herz rühren. Er liebt dich sehr.“

 

„Ja, Mutter. Und es schmerzt ihn genau wie dich. Es schmerzt ihn mehr noch als mich. Wenn es ihm möglich ist, wird er mich retten.“

 

„Natürlich ist es ihm möglich, er ist ja der Anführer!“

 

„Vielleicht kann er gerade deshalb nicht, Mutter.“

 

„Wenn ihm die Macht wichtiger ist als sein Kind!“

 

„Nein, das glaube ich nicht.“

 

„Ich kenne deinen Vater besser als du.“

 

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„Ich gehe“, flüsterte der Diener, „ich glaube, mein Herr kommt. Er darf mich hier nicht sehen.“

 

„Auch ich sollte besser gehen“, sagte Achill und entfernte sich schnell.

 

„Vater!“, rief Iphigenie, als Agamemnon näher gekommen war. „Weshalb Vater! Was hab ich dem Achaierheer Böses getan?“

 

„Was redest du, ich verstehe dich nicht. Prophezeist du uns irgendein Unheil?“

 

The sacrifice of Iphigeneia - Agamemnon, Iphigeneia, Clytaimnistra

 

„Sie prophezeit es nicht. Sie weiß alles. Wir haben erfahren, was du Schreckliches tun willst.“

 

„Wovon redet ihr?“

 

„Vater, du rettest mich, nicht wahr? Ich bin zu meiner Hochzeit hergekommen. Du lässt mich nicht sterben!“

 

 

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„Ihr wisst also alles! Es scheint, dass jemand Mitleid mit mir hatte, denn mir wäre die furchtbare Wahrheit niemals über die Lippen gekommen.“

 

„Und jetzt, Vater?“

 

„Kind, glaubst du, mich schmerzt es nicht?“

 

„Ja, es schmerzt dich“, sagte Klytaimnestra. „Aber das ist unwichtig. Der Entschluss ist von Bedeutung. Menelaos zu Gefallen und einer untreuen Frau wegen soll ein unschuldiges Wesen ihr Leben lassen und eine Mutter vor Gram vergehen? Sag mir, hast du dir das gut überlegt? Zu einer prächtigen Hochzeit bin ich hergekommen, wie muss ich nun nach Mykene zurückkehren? Wie soll ich den Anblick ihres leeren Zimmers ertragen, während du fort bist, was ihren Schwestern und dem kleinen Orest antworten? Dass sie geheiratet hat? Was erzähle ich ihnen aber, wenn sie meine Tränen sehen? Ja, sie hat geheiratet, werde ich sagen, aber sie hat Charon, den Fährmann der Toten, zum Mann genommen. Und wenn sie mich fragen, wie das geschehen konnte? Selbst wenn ich nicht sage, dass du sie getötet hast, glaubst du, dass es ihnen für immer verborgen bleibt? Irgendwann werden sie es erfahren! Kehrst du dann zurück, angenommen als Sieger, wie werden dich deine Kinder empfangen? Auch wenn es ihnen gelingt, ihre Angst zu unterdrücken, könntest du sie dann noch umarmen? Hast du dir das alles überlegt? Aber ich weiß, du hast anderes im Kopf. Du fürchtest nur eins, dass sie jemand anders zum Oberbefehlshaber machen und du Macht und Ruhm verlierst. Darum geht es dir!“

 

„Sei still, Frau! Mir reicht mein Schmerz, der mir das Herz zerreißt.“

 

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„Ich weiß, wie sehr du sie liebst“, antwortete sie. „Wenn ich es nicht wüsste, würde ich nicht so zu dir sprechen. Mir liegen alle meine Kinder gleich am Herzen. Du liebst sie auch alle, Iphigenie aber hast du immer den anderen vorgezogen. Kannst du dich erinnern, wie du einmal zu ihr gesagt hast, als sie auf deinem Schoß saß: ‘Du bist noch klein, und doch kann ich es kaum erwarten, dich mit einem guten Mann glücklich verheiratet zu sehen, einem, der des Namens deiner Eltern würdig ist.’ Und sie vergrub ihre Finger in deinem Bart und antwortete: ‘Nicht so eilig, Vater. Ich bin glücklich, dass wir alle hier zusammen sind. Aber wenn mich einst ein schöner junger Mann von euch wegholt und die Jahre vergehen, dann will ich, dass du deinen Lebensabend bei mir verbringst. Ich werde mich um dich kümmern, so gut ich kann, und dir deine Liebe und deine Fürsorge vergelten.’ So sprach sie, und du hattest Tränen in den Augen. Ich weiß noch, wie du zu mir sagtest: ‘Wenn es mir vergönnt ist, alt zu werden, dann will ich bei Iphigenie leben. Sie soll mich versorgen und mir, wenn meine Stunde gekommen ist, die Augen schließen.’ Und wie hat es das Schicksal jetzt gefügt? Du selbst willst Iphigenie... Was ich vorhin sagte, ich meinte es nicht so. Wie konntest du aber einwilligen? Wie konntest du uns diese Tafel schicken, über die wir uns freuten, ohne etwas Böses zu ahnen. Wir glaubten, dass die Göttin der Liebe selbst Achill, den Sohn einer Göttin und eines Königs, für uns ausgewählt habe. Unsere arglose Tochter wusste sich vor Freude nicht zu lassen, als sie die Botschaft las, und als sie Achill hier im Lager sah, schön wie ein Gott, schlug ihr Herz höher. Soll es ihr wirklich bestimmt sein, dass sie bei der ersten Herzensregung schon sterben muss? Bevor sie noch die Freuden kennen lernt, die die Liebesgöttin Armen und Reichen, Göttern und Menschen freigiebig spendet. Und du billigst dieses Schicksal, hast das grauenvolle Opfer selbst beschlossen. Es tobt in mir, aber ich will nicht noch einmal von vorn beginnen. Eins glaube ich nur. Du kannst sie retten!“

 

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„Ich kann es nicht! Eine Göttin gab mir den Befehl. Anfangs habe ich nicht eingewilligt und mich mit aller Macht gewehrt, doch das Heer hat rebelliert. Alle Fürsten sind gegen mich. Sie sagen, ich wolle den Feldzug rückgängig machen. Wenn die Entführer und Diebe ungestraft blieben, würde uns alle der Zorn der Götter treffen. Wir hätten einen Eid geleistet. Ich versprach zu gehorchen. Es ging nicht anders. Das erste Opfer dieses Krieges habe ich zu bringen. Ich musste das akzeptieren. Da, schon wieder höre ich Geschrei. Viele fürchten immer noch, dass ich meinen Entschluss rückgängig machen könnte. Ich muss nachsehen. Geht in euer Zelt. In den Tränen liegt ein gewisser Trost. Ich Unglücklicher, ich habe nicht einmal das Recht zu weinen.“

 

Und er lief in die Richtung, aus der die Rufe zu hören waren.

 

„Es ist vorbei, Mutter“, sagte Iphigenie. „Vater kann nichts mehr machen. Mein Schicksal ist entschieden. Nimm allen Mut zusammen, ich werde es bis zum Ende durchstehen.“

 

„Ich glaube nicht, dass alles vorbei ist. Es gibt noch eine Hoffnung. Achill. Komm, wir suchen ihn.“

 

„Nein, Mutter, es hat keinen Sinn. Hörst du nicht das Geschrei der Männer?“

 

„Und was bedeutet das?“

 

„Dass alle mein Verderben wollen, und Achill mich nicht retten kann. Da ist er ja, er kommt zu uns.“

 

„Sag uns, Achill, was ruft das Heer?“, fragte Klytaimnestra erschrocken.

 

„Die Opferhandlung soll schnell vollzogen werden!“

 

„Und was sagen die Fürsten?“

 

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„Genau das Gleiche.“

 

„So soll es geschehen. Ja, und zwar schnell!“, sagte Iphigenie. „Süß ist das Leben und bitter der Tod. Dies hier aber ist mehr, als wir ertragen können, es muss ein Ende finden.“

 

Sie sah Achill mit einem so traurigen Blick an, dass er sagte:

 

„Nein! Es wird nicht geschehen. Nur über meine Leiche!“

 

„Wenn es so ist, dann werde ich nicht zulassen, dass es so weit kommt“, sagte Iphigenie.

 

„Rede nicht so“, erwiderte ihre Mutter. „Sie werden es nicht wagen, sich mit ihm anzulegen.“

 

„Sie haben es bereits gewagt“, bemerkte Achill.

 

„Aber du hast die Myrmidonen hinter dir. Wer kann sich deinem Willen widersetzen?“

 

„Die Myrmidonen werden die Ersten sein, die mich steinigen.“

 

„Du stehst also allein da?“

 

„Ganz allein.“

 

„Tochter, wir sind verloren.“

 

Achill hatte jedoch noch Hoffnung.

 

„Es ist noch nicht alles verloren“, sagte er. „Ich bin der Sohn der Thetis und des Peleus. Mit dem Schwert in der Hand werde ich vor sie treten. Sollen sie es nur wagen!“

 

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„Hört mich an“, sagte da Iphigenie. „Höre, Mutter. Es ist an der Zeit auszusprechen, was ich schon die ganze Zeit denke. Dieses Opfer muss vollzogen werden. Eine Göttin verlangt es. Das ganze Heer fordert es. Die Schiffe müssen nach Troja segeln. Achill, deine Worte sind nicht von der Vernunft diktiert. Ich sehe, dass du für mich genauso empfindest wie ich für dich. Vielleicht kannst du deshalb nicht erkennen, dass jetzt die Bestrafung der Entführer am wichtigsten ist. Es ginge noch an, wenn durch den Raub Helenas nur Menelaos allein bloßgestellt wäre. Paris’ Tat beleidigt jedoch ganz Griechenland, und sie darf nicht ungestraft bleiben. Wenn wir angesichts der Barbarei den Kopf in den Sand stecken würden, wären wir wohl zu bedauern. Ich werde aus freiem Willen zum Altar der Artemis gehen, meinen Hals dem Messer des Priesters entgegenstrecken und mit meinem Blut die Göttin versöhnen. Artemis wird einen günstigen Wind senden, und die Achaier können mit Hilfe der Götter das starke Troja erobern und als Sieger in die Heimat zurückkehren.“

 

Achill war betroffen. Seine Gefühle wechselten zwischen Erstaunen und Bewunderung, und er konnte nichts mehr erwidern. Iphigenie, die ihm plötzlich so lieb geworden war, musste geopfert werden.

 

„Du hast Recht“, sagte er zu ihr. „Wie du selbst sagtest, ich bin vor Liebe blind. Und jetzt ist mir noch klarer geworden, was ich verliere. Konnte ich jedoch noch vor einer Weile dieses Opfer nicht ertragen, so akzeptiere ich es jetzt voller Stolz. In der kurzen Zeit, in der wir uns kennen, habe ich einen wundervollen Menschen lieb gewonnen und muss ihn nun verlieren.“

 

Iphigenie zögerte nicht länger. Sie verabschiedete sich von ihrer Mutter und von Achill.

 

„Ich gehe zu Vater. Viel zu lange habe ich gewartet“, sagte sie.

 

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Die unglückliche Mutter sah, dass Worte jetzt nichts mehr bewirken konnten, und ging in ihr Zelt. Erst wenn alles vorbei war, würde sie es wieder verlassen.

 

Es dämmerte schon, als ihr treuer Diener zu ihr kam.

 

„Herrin“, rief er. „Ein unglaubliches Wunder ist geschehen.“

 

Klytaimnestra stürzte ins Freie. Wind war aufgekommen.

 

„Wenn es ein Wunder von der Art wäre, wie ich erhoffte, dann hätte es mir Iphigenie als Erste berichtet.“

 

„Die Göttin hat Iphigenie zu sich genommen! Hört, wie es passiert ist. Sie hielt dem Priester ihren Hals so bereitwillig hin, dass alle sie wegen ihres Mutes bewunderten. Als er das Messer hob, senkten wir unsere Blicke, weil wir es nicht mit ansehen wollten. Wir hielten den Atem an und warteten. Es war so still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dann war deutlich die Bewegung des Messers zu hören und im gleichen Moment eine Stimme: ‘Ein Wunder! Ein Wunder!’ Wir hoben unseren Blick sofort, doch das Mädchen war nirgends zu sehen, an ihrer Stelle zuckte eine Hirschkuh im Todeskampf. Alle waren sprachlos vor Staunen. Kalchas stieg auf den Altarsockel, streckte seinen Arm aus und sagte: ‘Großer Agamemnon und ihr Achaierfürsten, hört! Die Göttin wollte das edle Blut des unschuldigen Mädchens nicht auf ihrem Altar. Sie hat Iphigenie zu sich genommen, um sie im fernen Land der Taurer zu ihrer Priesterin zu machen. Der Zorn der Göttin ist besänftigt, ihr seht es, wenn ihr euch umschaut. Die Blätter an den Bäumen regen sich wieder. Ein Landwind weht, und unsere Schiffe können die Anker lichten. Voller Mut und Glauben an den Sieg ziehen wir nach Troja!’“

 

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Der Diener hatte geendet, doch Klytaimnestra glaubte ihm nicht.

 

„Schöne Worte hast du gefunden, mein Lieber, doch sie sollen mich nur trösten. Das Wunder, von dem du mir erzählst, kann ich nur schwer glauben.“

 

„Aber alle haben es gesehen. Da kommt der Herr, er wird es Euch selbst berichten.“

 

Agamemnon kam heran.

 

„Unser Schmerz wurde gelindert, Frau. Die Göttin hat Iphigenie zu sich genommen, sie ist unsterblich geworden. Das Heer zieht jetzt in den Krieg. Troja wird erobert werden, seine Festung wird fallen. Und bei unserer Rückkehr feiern wir alle gemeinsam den großen Sieg.“

 

 

The sacrifice of Iphigeneia

 

 

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Απόσπασμα από το βιβλίο Ilias - Der Trojanische Krieg του Μενέλαου Στεφανίδη
Copyright © by Dimitris Stefanidis. All rights reserved.
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